HZG-Schüler spielen Szenen aus der Vichy-Zeit nach

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 Edwin Ernst Weber und Doris Astrid Muth zusammen mit den Schülern des „Erasmus“-Projekts.
Edwin Ernst Weber und Doris Astrid Muth zusammen mit den Schülern des „Erasmus“-Projekts. (Foto: Ingeborg Edenhofer)
Schwäbische Zeitung

Schüler des Hohenzollern-Gymnasiums haben erfahren, wie Sigmaringen französische Hauptstadt wurde. Sie nahmen an dem von der EU finanzierten Erasmus-Projekt teil. Edwin Ernst Weber vom Kreisarchiv hielt zusammen mit seiner Mitarbeiterin Doris Astrid Muth einen Vortrag, der die Zuhörer an einem der verblüffendsten und düstersten Momente in der Geschichte der Stadt Sigmaringen teilhaben ließ: Am 8. September 1944 kam die Regierung des französischen Vichy-Regimes nach Sigmaringen. Über dem Schloss Hohenzollern wurde die französische Tricolore gehisst und Sigmaringen zur offiziellen Hauptstadt Frankreichs erklärt. Bald lebten mehr als 10 000 französische Nazi-Kollaborateure in einer Stadt, in der vor dem Krieg gut 5000 Menschen gewohnt hatten. Überall seien lebhaft gestikulierende Männer in Baskenmützen gewesen, die Frauen seien gekleidet und geschminkt „wie die Malerpalette“, notierte der Zeitzeuge Maximilian Schaitel in seinem Tagebuch. Auch die feinen Pariserinnen mussten sich an das Leben in der schwäbischen Kleinstadt gewöhnen. Das Leben in jener Zeit war von zahlreichen Entbehrungen gekennzeichnet. Auch wurde die Bevölkerung Zeuge von zahlreichen Verbrechen unter anderem an Zwangsarbeitern, die verhungerten oder erfroren.

Auch von den Deportationen von 90 behinderten Patienten des Sigmaringer Landeskrankenhauses 1940 und 1941 und deren Ermordung in den Tötungsanstalten von Grafeneck und Hadamar wurde berichtet. Bei dieser Gelegenheit erinnerten sich die Schüler auch an Lisa Frank, die im Jahr 1935 die einzige jüdische Schülerin am Hohenzollern-Gymnasium war. Sie verließ die Schule 1935 nachdem sie der Last des täglichen, hasserfüllten Antisemitismus durch Mitschüler und Lehrer nicht länger standhalten konnte. Lisa Frank ist 2016 in Amerika gestorben, wohin sie 1937 emigriert war. Zuvor besuchte sie allerdings im Jahr 2012 noch einmal Sigmaringen – die Stadt, die ihr einst so viel Unrecht angetan hatte. Sie selbst beschrieb ihren Besuch am HZG als äußerst wichtigen Moment.

Sigmaringen und Vichy begegnen sich auch 2019 wieder. Wo Menschen voller Hass einst in grausamer Weise gegen andere arbeiteten, versuchen die Schüler heute zusammenzuarbeiten und auf „Begegnung“ zu setzen. Deswegen nehmen drei Lehrerinnen zusammen mit 13 Schülern aus den Klassen 8 bis 10 seit September 2018 an dem auf drei Jahre angelegten Erasmus-Theaterprojekt gegen den Totalitarismus teil. Professionelle Unterstützung erhalten die Teilnehmer von französischer Seite durch den Schauspieler Fabrice Dubusset und seiner Assistentin Natasha Hopkins-Shaw aus Vichy. Gemeinsam wird an verschiedenen Theaterszenen gearbeitet, die in den kommenden Monaten und Jahren sowohl in Deutschland als auch Frankreich aufgeführt werden sollen. Unter dem Überbegriff des sich Erinnerns spielen die Schüler kleine Szenen, die eben jenen Teil der Geschichte Sigmaringens künstlerisch aufgreifen und interpretieren.

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