Gesucht: Wohnung für 430 Euro warm

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Wird Wohnen bald auch in Sigmaringen unbezahlbar? Die Caritas glaubt schon. Auf dem Marktplatz gibt es dazu deshalb einen Aktion
Wird Wohnen bald auch in Sigmaringen unbezahlbar? Die Caritas glaubt schon. Auf dem Marktplatz gibt es dazu deshalb einen Aktionstag. (Foto: Weig)
Elisabeth Weiger

Bezahlbaren Wohnraum zu finden wird immer schwieriger. Auch in Sigmaringen. Pro Woche melden sich bis zu drei Wohnungssuchende bei der Caritas. Der Bedarf liegt besonders bei kleineren Wohnungen in einer Größe von bis zu 45 Quadratmetern. Obergrenze für die Warmmiete: 430 Euro.

Alles wie immer auf dem Wochenmarkt? Nein, an diesem Samstagvormittag irritierte den einen oder anderen Passanten die perfekt inszenierte Kulisse eines Familienwohnzimmers vor dem Pfarrhaus Mittendrin. Spielende Kinder am Couchtisch, ein zeitungslesender Alleinerziehender in der Sofaecke, ein achtlos abgelegter Staubsauger am Boden, für den einen oder anderen Betrachter eine vertraute Situation alltäglichen Familienlebens.

„Nehmen Sie Platz, ich lade Sie ein bei uns einzuziehen“ – mit dieser freundlichen Einladung lenkte Pastoralreferent Wolfgang Holl die Blicke der Vorübergehenden auf die Wohnzimmerkulisse und darüber hinaus auf die Aktion der Caritas-Kampagne 2018 „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“. Kinder ließen sich nicht zweimal bitten, und so zeigten vor allem Väter und Mütter im Schlepptau ihrer Kinder Interesse an der Aktion.

Seit 2011 ist die Bevölkerung Deutschlands um 2,5 Millionen gewachsen, auch die Haushaltsgrößen haben sich verändert. Lebten früher in einem Haushalt drei und mehr Personen so sind es heute vermehrt Ein- und Zwei-Personen-Haushalte. In Deutschland fehlen eine Million Wohnungen, bezahlbare Wohnungen für Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und dabei im besonderen für Menschen mit psychischen und physischen Problemen, für Menschen mit Migrationshintergrund, für ältere Menschen, für Familien mit Kindern.

Passanten reagieren zum Teil mit Unverständnis

An runden Stehtischen luden die Mitarbeiter der Caritas, der Wohnungslosenhilfe und der Seelsorgeeinheit Sigmaringen bei Kaffee und Keksen Passanten ein, sich dem Thema zu öffnen und mit den Mitarbeitern der sozialen Dienste ins Gespräch zu kommen. Dass das Menschenrecht auf Wohnen auch in Sigmaringen von öffentlichem Interesse ist und nicht wenige Menschen angesichts leerstehender Wohnungen darauf mit Unverständnis reagieren, darüber berichtete Norbert Stauss vom Caritas Sozialdienst.

Wöchentlich melden sich zwei bis drei Wohnungssuchende bei der Caritas, wobei der größte Bedarf bei Wohnungen mit einer Größe bis 45 Quadratmetern und 430 Euro Warmmiete angesiedelt ist. Wohlwissend um die Problematik schloss sich dieser Aussage eine ältere Passantin an, deren Suche nach einer größeren als der 25 Quadratmeter zur Verfügung stehenden Wohnfläche bisher erfolglos blieb. „Das Thema Wohnungsnot war in sämtlichen Einrichtungen immer präsent“, erzählte Sarah Herrmann, die im Rahmen ihres dualen Studiums in unterschiedlichen Diensten, sei es in der Migrationsberatung, in der Schwangerenberatung oder in der Beratung für häusliche Gewalt hospitierte. Joachim Freitag, der Leiter der Wohnungslosenhilfe, befand sich in guter Gesellschaft unter den Marktbesuchern bei seiner Begründung für die Wohnungsmisere. „Bezahlbarer Wohnraum bricht mehr denn je weg, da der soziale Wohnungsbau im Schwinden begriffen ist.“

Ein zufriedenstellendes Fazit der Aktion zog Norbert Stauss. Besonders erfreut war Wolfgang Reinberger, ein Mitarbeiter vom Haus Bethlehem, dem ehemaligen Konvikt, kam er doch in den Besitz der Telefonnummer eines Passanten, der eine Wohnung zur Verfügung stellen wollte.

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