Gedenkfeier erinnert eindrücklich an viele Opfer der Barbarei

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Dr. Thomas Stöckle
Dr. Thomas Stöckle (Foto: Vera Romeu)
Schwäbische Zeitung
Vera Romeu

Die Krankenhausseelsorge und die Abteilung für Psychiatrie haben gemeinsam am Vorabend des Internationalen Holocausttags zur Gedenkfeier in die Krankenhauskapelle eingeladen. Eine große Anzahl Bürger waren gekommen, darunter überdurchschnittlich viel Schüler. Bezirkskantor Klaus Krämer und Stefan Dudda begleiteten die Feier musikalisch.

Krankenhausseelsorger Hermann Brodmann erinnerte an die Geschichte: Im Dezember 1940 und März 1941 sind 91 Patienten aus dem Fürst-Karl-Landeskrankenhaus, heute Landratsamt, mit grauen Bussen geholt, nach Grafeneck gefahren und dort sofort ermordet worden. Hintergrund war die menschenfeindliche Lehre des nationalsozialistischen Schreckensregimes. Brodmann ermahnte: „Ungeschehen kann man den furchtbaren Zivilisationsbruch nicht machen, aber die Wachsamkeit stärken.“

Schweigen nach dem Krieg

In seinem Vortrag berichtete Dr. Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, wie nach den Prozessen, die 1949 endeten, das kollektive Schweigen und Verdrängen über Grafeneck einsetzte. Keiner wollte mehr über die Ermordungen reden, weder die Täter, die in die Gesellschaft lautlos zurückkehrten, aus der sie gekommen waren, noch die Kirchen, die Medizin, die Wissenschaft. Das verschwiegene Wissen um Grafeneck ging in der nächsten Generation verloren, bis die Gedenkstätte eingerichtet wurde.

Nun kommen jährlich 20 000 Besucher nach Grafeneck, die Geschichte ist in das kollektive Bewusstsein zurückgekehrt. Nach der Andacht gingen die Besucher in einem Schweigemarsch durch die Dunkelheit zum Gedenkstein auf dem Landratsamtsgelände. Dort wurden alle Namen, Geburtsjahr und Herkunftsorte der Opfer aus dem ehemaligen Krankenhaus vorgetragen.

In den Fürbitten, die Schüler der Sibylla-Merian-Schule vortrugen, wurde zum ersten Mal an weitere Opfer eindrücklich erinnert: die Opfer aus der Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg, die Kommunisten und Sozialdemokraten sowie die sowjetischen Kriegsgefangenen des Konzentrationslagers Heuberg, die Männer, die auf der Flucht aus dem Lager Heuberg in Neidingen erschossen wurden, die Bewährungseinheit 999, die Sigmaringer Familie Frank, den Kriegsdienstverweigerer Josef Ruf aus Hochberg, den Meßkircher Stadtpfarrer Otto Meckler, Frauen aus Pfullendorf, Ruschweiler, Kreenheinstetten, Stetten, Bolstern, Ennetach und Inzigkofen, die wegen ihrer Liebe zu einem ausländischen Kriegsgefangenen bestraft wurden, den US-Piloten Theodore Nielsen, Häftlinge des Außenlagers Saulgau des KZ Dachau und die KZ-Häftlinge von Schörzingen, die bei einem Todesmarsch in Ostrach von der SS erschossen worden sind.

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