Frauen in der Kommunalpolitik: Ein langer, mühsamer Weg

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Gabriele Loges

Als Beitrag zum kreisweiten Kulturschwerpunkt „Demokratie und Freiheit“ hat die Historikerin Doris Muth politisch handelnde Frauen ins Zentrum eines Vortrags und einer Diskussion im Alten Schlachthof gerückt: „Frauenaufbruch in der Kommunalpolitik: Gemeinde- und Kreisrätinnen im Landkreis Sigmaringen von den 1920er Jahren bis heute.“ Die Einbindung des Themas in den historischen Kontext und Zeitzeugenbefragungen wie auch die Diskussion mit Elisabeth Volk als langjähriger Kreisrätin und Stefanie Bürkle als Landrätin gab dabei einen spannenden Ein- und Ausblick in das Thema „Frauen in der Politik heute“.

Das Thema sei ihr ein großes Anliegen, so Landrätin Stefanie Bürkle bei ihrer Begrüßung: „Seit hundert Jahren gibt es das aktive und passive Wahlrecht, es war ein harter Kampf und es lohnt sich auch heute noch, für Freiheit und Freizügigkeit zu kämpfen.“ In ihrem beruflichen Werdegang sei das Netzwerken mit anderen Frauen karrierefördernd gewesen, aber auch die positive Einstellung im Elternhaus, dass man durch Handeln Dinge bewegen und Ziele erreichen könne.

Ein langer, mühsamer Weg

Doris Muth dankte zu Beginn den Interviewpartnern im Raum, die mit ihren Aussagen die theoretischen Ansätze untermauert und ergänzt haben. Das war zum einen Landrätin Bürkle, dann Norbert Schuler als Enkel von Fanny Fritz und die ehemalige Kreisrätin Elisabeth Volk. „Das Frauenwahlrecht ist nicht vom Himmel gefallen“, so Muth. „Der Weg von den Pionierinnen Fanny Fritz, Marie Fischer und Fanny Huber über die Protagonistin des Aufbruchs der 1980er Jahre, Elisabeth Volk, bis zur Landrätin Stefanie Bürkle war lang und mühsam.“

Bei der größten Demokratiebewegung während der Französischen Revolution forderte 1791 Olympe de Gouges die volle Gleichberechtigung für Frauen, aber sie erhielten das Wahlrecht erst 1945. In Deutschland hatten die Frauen und Männer das Frauenwahlrecht 1918 durchgesetzt. 1933 wurde unter den Nazis das passive Wahlrecht für Frauen abgeschafft und erst 1949 wieder eingeführt. Auf dem Grundrecht „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ hat vor allem die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert bestanden.

Fanny Fritz aus Saulgau wurde 1874 geboren und war Besitzerin des Gasthofs Lamm, „Bierbrauereibesitzers-Witwe“ und Mutter von neun Kindern. Schriftliches zu ihrem politischen Amt ab 1919 gäbe es leider nicht mehr, so Muth. „Über das politische Engagement der Großmutter wurde nicht gesprochen“, so Enkel Norbert Schuler, aber ein anderer Enkel wusste noch, dass die Großmutter gesagt habe: „Ich muss jetzt zum Regieren gehen.“ Bis zu ihrem Tod 1924 blieb sie Stadträtin in Saulgau. In Sigmaringen waren Maria Fischer und Fanny Huber aktiv. Den größten Erfolg hatte Luise Leininger (1899-1984), Stadträtin in Sigmaringen von 1946 bis 1974 und Ehrenbürgerin. 1956 erhielt sie mit Abstand die meisten Stimmen. Karola Knäpple (1929-2004) war von 1975 bis 2004 Stadträtin und ab 1994 stellvertretende Bürgermeisterin.

In den 1970er-Jahren sorgte die Emanzipationsbewegung für frischen Wind. So galt 1977 ein neues Eherecht: Die Frau war nicht mehr „zur Führung des Haushalts verpflichtet“. Wie viele Frauen in dieser Zeit kam auch Elisabeth Volk über die ehrenamtliche Tätigkeit im Elternbeirat zu ihrem Amt als Kreisrätin. Von 1979 bis 1999 konnte sie konkrete Ziele, wie die Einsetzung von Frauen auf Führungspositionen – auch gegen den „Fraktionszwang“ oder gegen herabsetzende Sprüche von Männern, wie sie in der anschließenden Diskussion ergänzte – durchsetzen. Volk ist überzeugt: „Frauen müssen Frauen wählen.“

Perfektionismus als Problem

Eine Besucherin warf ein, dass Frauen immer noch die „unbezahlte Arbeit im Haushalt“ übernehmen müssten und wenn sie alleinerziehend seien, weder Geld noch Kraft besäßen, sich politisch zu engagieren. Die Erfahrung zeige, so weitere Zuhörerinnen, dass Frauen sich weit weniger als Männer einen verantwortlichen Posten zutrauen würden, unter anderem stehe ihnen ihr „Perfektionismus“ im Wege.

Frauen überzeugten jedoch, so Muth und Bürkle, wenn sie mal politisch tätig seien, ihre männlichen Kollegen mit ihren Vorschlägen. Dies zeige sich auch an der Arbeit der fünf Kreisrätinnen, die sich gegen 37 Männer „mit Frauenpower“ behaupten. Aktuell sind nur drei von 25 Bürgermeistern im Kreis weiblich, aber immerhin: Der „oberste Kopf“ ist mit Stefanie Bürkle ebenfalls eine Frau.

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