Erziehung bildet politisches Verhalten

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 Herbert Renz-Polster (links) und Dietmar Untericker, Sachgebietsleiter Kinder- und Jugendagentur, machen sich Gedanken über Erz
Herbert Renz-Polster (links) und Dietmar Untericker, Sachgebietsleiter Kinder- und Jugendagentur, machen sich Gedanken über Erziehung. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Dass Kindheit und Erziehung auch im politischen Sinne von grundlegender Bedeutung sind, davon ist Herbert Renz-Polster überzeugt. Der Autor und Kinderarzt aus Vogt im Landkreis Ravensburg war im Rahmen der Interkulturellen Woche zu Gast im Landratsamt Sigmaringen. Auf Basis langjähriger Recherchen hat der Referent den Besuchern die Auswirkungen einer strengen und lieblosen Kindheit auf demokratische Strukturen leicht nachvollziehbar nahegebracht.

„Erziehung prägt Gesinnung“, lautet der Titel des aktuellen Buches des wissenschaftlichen Mitarbeiters am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Darin geht der Vater von vier Kindern unter anderem auf die Gewalterfahrungen amerikanischer Kinder innerhalb ihrer Erziehung ein. Der Mediziner lebte mit seiner Familie viele Jahre dort, verfügt also über einen intensiven Einblick über die Situation dort. Und die deckt sich mit den Ergebnissen repräsentativer Umfragen: In den USA werden viele Kinder häufig und systematisch von ihren Eltern geschlagen.

Damit kommt der Referent dann auch schnell auf Donald Trump zu sprechen. Der amerikanische Präsident bezeichnete seine Lehrer an der New Yorker Military Academy als „harte Kerle, die die Scheiße aus einem rausprügeln“. Sein Vater hatte ihn als Dreizehnjähriger dorthin geschickt, um ihn zu disziplinieren. Aus Sicht von Renz-Polster hat das alles mit dem Rechtsruck in dem Land zu tun, das einmal eine „kulturell prägende Nation war“.

Überall dort, wo Kinder besonders häufig Gewalt ausgesetzt sind, haben autoritäre Kräfte und strenge politische Überzeugungen leichtes Spiel. Kinder, die eine autoritäre Erziehung und Gewalt erfahren, statt Bestätigung, Vertrauen und eine verlässliche Bindung, sehen sich später vielfach mit Identitätsfragen konfrontiert. In fürsorglichen Familien erfährt das Kind idealerweise, dass es aus sich heraus wertvoll und in einem tiefen Sinne unverletzlich ist. „Es lernt, einem inneren Kompass zu folgen“, so der Referent. Kinder mit derlei Erfahrungen im Elternhaus haben eher selten das Bedürfnis, sich auf die Suche nach einer äußeren Heimat zu machen, oder nach einem sicheren Ort in einer „unsicheren Welt“.

Der Mediziner, der in seinem Vortrag immer wieder über die deutschen Grenzen hinausblickt, spricht etwa auch die Arabische Halbinsel, oder Ägypten an. „Das glauben sie nicht, was die Kinder dort erleben müssen“, so Renz-Polster, der an der Stelle auch das Thema Flüchtlingskinder und deren Erfahrungen mit Autoritarismus aufgreift und rät, sich „darüber Gedanken zu machen“.

Die Fridays-for-Future-Bewegung, mit wenig Traumata und überwiegend aus „ressourcenstarken Familien“ stammend, würden eine Antithese zum Autoritarismus bilden. Solange wir „Kindheit wagen“, so der Referent, „bin ich optimistisch“.

Weniger optimistisch fällt in diesem Kontext sein Blick Richtung Schulen und Kindertageseinrichtungen aus. Schulen seien nach wie vor „autoritäre Systeme und Selektionseinrichtungen, in denen Kindern Fragen gestellt werden, die sie selber nie gestellt hätten“. Besonders benachteiligte und bedürftige Kinder hätten in diesem System das Nachsehen. Die Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse sei der beste Schutz gegen Radikalisierungen. Und damit das beste Mittel, um einen Rechtsruck effektiv und nachhaltig aufhalten zu können.

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