Erinnerung an ein viel zu früh verstorbenes Talent

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 Das Werther-Quartett spielt im Sigmaringer Hofgarten.
Das Werther-Quartett spielt im Sigmaringer Hofgarten. (Foto: Barbara Renner)
Hans-Hinrich Renner

Das Trossinger „Werther-Quartett“ hat am Sonntag in der Konzertreihe der Gesellschaft für Kunst und Kultur im Hofgarten gastiert.

Die jungen Musiker spielten unbekannte oder seltener gespielte Komponisten aus Klassik und Frühromantik. In der heutigen Zeit, wo mit den „Standards“ der Streichquartettliteratur längst durch die Einspielungen zahlreicher großer Vorbilder Maßstäbe gesetzt wurden, ist es verständlich und auch sehr sinnvoll für neue Ensembles, sich eher den Nischen der Literatur zu widmen. Damit entdecken und verbreiten sie einerseits Neues, müssen sich andererseits aber auch nicht gleich dem Vergleich mit den allzu bekannten Interpretationen der Stars der Klassikszene aussetzen.

Ob allerdings ein ganzer Konzertabend mit solchen Werken nicht doch etwas eintönig wirken kann, mag dahingestellt bleiben, denn die Qualität solcher Nischenliteratur ist, von vielen Ausnahmen abgesehen, doch meist nicht so ganz vergleichbar.

Hier hatte sich das Ensemble als erstes Stück den spanischen frühklassischen Komponisten Manuel Canales mit seinem c-moll Streichquartett vorgenommen. Die Werkauswahl paßte auch gut zu dem Namen des Ensembles, denn Goethes Werther als Literatur des Sturm und Drang fand quasi ihre Entsprechung in der spontanen und emotionalen Musik dieses Streichquartetts aus der gleichen Zeit. Spontan und lebendig wurde es auch musiziert, wobei die Impulse eher von den tiefen Streichern ausgingen. Die Musiker spielten in historischer Aufführungspraxis, was besonders bei Werken der Frühklassik wegen ihrer Durchsichtigkeit und harmonischen Einfachheit ein heikles Unterfangen ist. Das Ergebnis aber überzeugte in jeder Hinsicht. Längst vorbei sind die Zeiten, wo das Konzept der historischen Aufführungspraxis noch verbunden war mit Abstrichen bei der technischen Darbietung, wie unsauberer Intonation, quietschender Ansprache der Saiten, dünner und lebloser Tongebung und dergleichen.

Am Rande der Salonmusik

Alexander Alyabyev's Quartett in G-Dur allerdings ist, wie sich zeigte, dann doch eins dieser Stücke, wo man sich fragt, ob sich hier die Wiederentdeckung beziehungsweise. -aufführung wirklich lohnt.

Das Stück des russischen Komponisten aus dem frühen 19. Jahrhundert überschritt allzu oft die Grenze zum Trivialen. Das ganze 19. Jahrhundert ist gefüllt von unzähligen dieser in einem kitschig-klischeehaften Sinn „volksliedhaften“ oder „gefühligen“ Stücke, die dann meist ihren Weg durch die Salons und Kaffeehäuser der Zeit gemacht haben.

Sicher: so ganz zur Kategorie „Salonmusik“ gehörte dieses Quartett doch nicht. Der Ansatz war schon etwas ernsthafter, aber die Tendenz war doch nicht zu überhören.

Umso schöner dann das letzte und sicher auch bekannteste Stück des Abends: das dritte Quartett von Juan C. de Arriaga. Der geniale spanische Komponist starb leider schon kurz vor seinem 20. Geburtstag. Es scheint verblüffend, wie reif, ausdrucksstark und reichhaltig die Tonsprache dieses jungen Menschen trotzdem schon war. Die Tonmalerei im zweiten Satz erinnerte an Beethovens Pastorale, andere Stellen in ihrer Ausdruckstiefe wiederum an Schubert. Was für ein Talent ging der Welt hier verloren!

Die Musiker spielten auch hier lebendig und ausdrucksstark. Gelegentliche Intonationsschwächen fielen nicht ins Gewicht und waren wohl der Hitze geschuldet.

Insgesamt ein Abend mit vielen Höhen und einigen Tiefen, die zahlreichen Klassikfreunde konnten ihren musikalischen Horizont hier jedenfalls erweitern.

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