Erinnerung an das Unfassbare

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In langen Listen findet der Vorleser die Namen der Ermordeten.
In langen Listen findet der Vorleser die Namen der Ermordeten. (Foto: Elisabeth Weiger)
Elisabeth Weiger

Im SRH-Krankenhaus ist der Internationale Holocaustgedenktag mit einer Lesung von Berthold Biesinger vom Theater Lindenhof begangen worden. Das Buch „Grafeneck 1940“ des Historikers Thomas Stöckle schildert die letzten Lebenstage der 1654 Menschen, die 1940 in Grafeneck zu Tode gebracht wurden, um an die Ermordung von Menschen mit Behinderung und Psychiatriepatienten des früheren Fürst-Carl-Landeskrankenhauses in dieser ersten Euthanasie-Tötungsanstalt der Nationalsozialisten zu erinnern.

In der Krankenhauskapelle gab Thomas Bopp, der leitende Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, in seinen einführenden Worten einen ersten Hinweis auf die aktuelle Brisanz des Gedenktages. Er erinnerte an den erst kürzlich verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog, der den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau 1996 durch sowjetische Truppen als bundesweiten Gedenktag ausgerufen hatte.

Das Ungeheuerliche, das Widerwärtige, das sowohl im kleinen Sigmaringen als auch im ganzen Reich geschehen konnte, darf nicht vergessen werden, so Bopp. Im Hinblick auf den gegenwärtigen politischen Rechtsruck nicht nur in Europa und angesichts des rechtsnationalen Gedankengutes, das ein amtierender AfD-Politiker ungeniert ausbreitet, stellt sich für Bopp, 72 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes, die Frage nach dem richtigen Maß des Gedenkens.

In diesem Jahr wird explizit an die 300 000 Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung oder Krankheit gedacht, die dem beispiellos totalitären Regime zum Opfer fielen. 90 Patienten wurden aus dem Annahaus herausgeholt, in graue Busse verfrachtet und gleich nach ihrer Ankunft in Grafeneck bei Münsingen oder in Hadamar bei Limburg vergast, ihre Leichen verbrannt und die Asche den Angehörigen zurückgeschickt.

Die Lesung aus „Grafeneck“ beschrieb die Beschlagnahme des Schlosses, den Umbau des einstigen Pflegeheims in eine Mordanstalt, die Anstellung einer Schreibkraft zum Ausstellen der Meldebögen, die Zwangsverpflichtung der örtlichen Handwerker, die Aufgaben der Krankenschwestern und Pfleger.

Aus dem Pfegeheim in die Gaskammer

Die Betroffenheit der Zuhörer konnte nicht größer sein, als Biesinger den Weg der Menschen aus den Pflegeheimen in die Gaskammer aufzeigte und Briefe verzweifelter Angehöriger („Alles in mir ist wund!“) an die Anstaltsleitung vorlas.

Immer wieder unterbrach er seine Ausführungen, blätterte in langen Listen und gab einem Ermordeten seinen Namen zurück.

Als wäre dies nicht eindringlich genug so trug Susanne Hinkelbein am Klavier mit ihren Improvisationen zur Steigerung des Gehörten bei. Aufwühlend und ungemein emphatisch folgte ihre Musik den Spuren der Menschen auf dem Weg in den Tod.

Die Gedenkfeier wurde nach einem gemeinsamen Gang der Beteiligten am Gedenkstein unterhalb des Landratsamtes fortgesetzt. Stefan Dudda intonierte auf der Trompete die Träumereien von Robert Schumann, während die Schülerinnen und Schüler der Krankenpflegeschule Pfullendorf die Namen der 90 ermordeten Menschen und ihre Herkunftsorte vorlasen. Mitglieder der Pfadfinderschaft St. Georg überbrachten anschließend das Friedenslicht aus Bethlehem als ein Zeichen für Frieden und Völkerverständigung und gegen Rassismus.

Der Gedenkstein erhellte sich zunehmend, als Mitarbeiter des Annahauses mittels einer Kerze an alle die Menschen erinnerten, seien es Juden, Roma oder politische Gefangene des KZ’s Heuberg, denen während der Schreckensherrschaft unsagbares Leid zugefügt worden war.

Mit der neunten Kerze ehrte Kreisarchivar Edwin Weber die kürzlich verstorbene Jüdin Lisa Heyman, geborene Frank, deren Familie aus Sigmaringen verjagt worden war.

Klinikseelsorgerin Daniela Segna-Gnant bedankte sich abschließend bei allen Mitwirkenden.

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