„Eine lange Tradition geht in Sigmaringen zu Ende, das berührt mich“

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Seinen nächsten Posten übernimmt Generalmajor Erhard Bühler in Norwegen. Dort übernimmt er das Kommando über ein Ausbildungszent (Foto: dpa)
Redaktionsleitung

Mit dem Weggang des Kommandeurs der 10. Panzerdivision aus Sigmaringen wird die letzte große Kommandoübergabe gefeiert. Am Dienstag, 4. Juni, gibt es dazu einen Appell und ein Feldbiwak.

Generalmajor Erhard Bühler verlässt Sigmaringen nach vier Jahren und wird Kommandeur eines Übungszentrums der Nato in Stavanger/Norwegen. Bühler musste am 26. Oktober 2010 als Standortältester die Schließung der Kaserne erklären. SZ-Redakteur Michael Hescheler hat mit ihm über diese und andere Themen gesprochen.

Vier Jahre waren eine ungewöhnlich lange Zeit. Wenn man die Zeit im Kosovo abzieht, waren es drei Jahre. Mit welchem Gefühl verlassen Sie Sigmaringen?

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Division so lange führen durfte. Das gab personelle Kontinuität. Ich weiß wie stark die Truppe belastet ist, durch die Auslandseinsätze und die Neuausrichtung. Aber ich habe mit General Langenegger einen Nachfolger, der für diese Aufgabe aufgebaut wurde, und deshalb kann ich die Division in bewährte Hände legen.

Was bleibt zurück – ein Divisionsstab, der vor der Auflösung steht?

Das ist mit Wehmut verbunden. Hier geht eine lange Tradition zu Ende, das berührt mich.

Sie waren der General, der die Schließung des Standorts erklären musste. Welche Erinnerungen haben Sie an den 26. Oktober 2011?

Das war ein schwarzer Tag für die Region und das Divisionskommando. Das werden auch all diejenigen verstehen, die zu dieser Entscheidung kommen mussten.

Trotz Ihres Urlaubs haben Sie sich im Dezember 2011 einer Podiumsdiskussion gestellt.

Ich wollte meinen Beitrag dazu leisten, dass die Entscheidung erklärt, um Verständnis geworben und das Bedauern ausgedrückt wird. Diese letztere menschliche Komponente sehen auch die Entscheidungsträger bis hin zum Minister.

War es ein Nachteil, dass Sie, als im Ministerium die Standortentscheidung vorbereitet wurde, im Kosovo waren?

Ich hatte hier einen Stellvertreter, der hier in Sigmaringen geführt hat, aber ein Kommandeur gibt die Führung der Division nicht ab. Wir haben uns ständig ausgetauscht, so dass ich über jeden bedeutsamen Schritt unterrichtet war.

Wie geht Sigmaringen aus Ihrer Sicht mit der Konversion um?

Die Diskussion hat sich versachlicht. Mein Eindruck ist, dass für die Zukunft der Kaserne mit Nachdruck nach Lösungen gesucht wird. Wir haben leider noch unklare Verhältnisse beim Zivilpersonal. Da der Standort aber noch rund zwei Jahre bestehen bleibt, gehe ich jedoch davon aus, dass auf der Zeitachse Lösungen gefunden werden. Aber es ist klar, dass der eine oder andere Mitarbeiter nicht hier in der Region verwendet werden kann. Ich weiß aber, dass das Bundeswehrdienstleistungszentrum an sozialverträglichen Lösungen arbeitet.

Die Zehnte organisiert als Leitdivision seit März ein Jahr lang die Einsätze in Afghanistan und im Kosovo und entsendet selbst rund 4000 Soldaten in den Einsatz. Verdeutlichen Sie diese Aufgabe bitte.

Der erste Teil der Soldaten ist bereits im Einsatz. Für den zweiten Teil läuft gerade eine Serie von Übungen zur Vorbereitung unserer Soldaten. General Langenegger und ich waren viel auf den Truppenübungsplätzen unterwegs und haben die Übungen zum Teil selbst geleitet. Geführt werden die Soldaten im Einsatz von den beiden Brigadekommandeuren. General Langenegger wird hier bleiben und die Division zusammenhalten.

Wie schätzen Sie die Sicherheitslage in Afghanistan ein?

Afghanistan war 2010/2011 ein harter Einsatz für die Division, wir haben auch Soldaten verloren. Aber es ist gelungen, im Norden eine Trendwende einzuleiten. Das ist eine herausragende Leistung unserer Soldaten, der Gebirgsjäger und der Panzergrenadiere, aber auch der Amerikaner. Wir hatten bis ins Jahr 2010 eine stetige Verschlechterung der Sicherheitslage. Wir haben in der vergangenen Woche in Wildflecken mit realen Daten aus Afghanistan geübt. Deshalb sage ich: Es ist eindeutig eine Verbesserung der Sicherheit zu erkennen.

Ins Kosovo: Sie führten ein Jahr lang die Kosovo-Schutztruppe von Priština aus. Hat Sie der Konflikt im Norden, bei dem es an der Grenze zu Zwischenfällen kam, überrascht?

Wir sind nicht überrascht worden, weil der Konflikt unterschwellig immer da war. Beide Regierungen redeten nicht miteinander. Plötzlich stand aber die Gefahr einer bewaffneten Konfrontation im Raum. Wenn wir gesucht werden als Gesprächspartner, dann müssen wir Soldaten mithelfen, einen solchen Konflikt auch über Vermittlung zu lösen. Das damalige Stillhalteabkommen hat zu einer Initialzündung für politische Gespräche geführt, die jetzt unter der Leitung der Europäischen Union möglicherweise zu einem Abschluss kommen. Die Regierungschefs haben konkrete Beschlüssen zur Verbesserung der Beziehungen beschlossen. Abwarten muss man, wie diese Beschlüsse im Kosovo implementiert werden.

Die Region Sigmaringen engagiert sich ebenfalls im Kosovo. Durch den Besuch von Vertretern des Landkreises und Rotariern ist etwas angestoßen worden. Die Hochschule und die Kliniken tauschen sich aus. Was ist daraus geworden?

Durch den Besuch von Verantwortlichen hier aus dem Landkreis hat sich ein ganzes Netzwerk in Baden-Württemberg gebildet, vor allem von sozialen Einrichtungen. Der Vorstandsvorsitzende Thilo Rentschler von Mariaberg ist da eine treibende Kraft. Große Sozialträger aus Baden-Württemberg waren erst vor wenigen Wochen im Kosovo, um konkrete Projekte zu besprechen. Es können beide Seiten profitieren, da im Kosovo ausgebildete Pflegekräfte in Deutschland eingesetzt werden könnten.

Wie gehen Sie Ihre Aufgabe neue als Kommandeur der Ausbildungseinrichtung der Nato in Stavanger an?

Ich habe sehr viel Erfahrung mit der Anlage von Übungen. Von daher fühle ich mich gut vorbreitet. Von Stavanger aus werden Übungen angelegt und weltweit organsiert. Meistens üben wir Entscheidungsprozesse zwischen den Nationen, Nato-Hauptquartier und den operativen Kommandostäben. Das alles wird von Stavanger aus gesteuert.

Werden Sie auch nach Norwegen umziehen?

Ja, meine Frau und ich werden die Wohnung hier aufgegeben, die Berliner Wohnung haben wir vermietet. In Stavanger haben wir bereits ein Haus gefunden und wir werden direkt nach der Divisionsübergabe nach Norwegen umziehen.

Wie behalten Sie Sigmaringen in Erinnerung?

Mir hat es außerordentlich gut in Sigmaringen gefallen. Ich habe viele Bekannte gefunden und, das möchte ich betonen, auch viele Freunde. Wir werden den einen oder anderen Besuch in Sigmaringen machen und die ersten Besuche in Norwegen sind auch vereinbart. Auch die Rotarier, denen ich angehöre, haben versprochen, mich in Norwegen zu besuchen.

Warum wird es ein Feldbiwak und keinen Empfang zum Abschied geben?

Es gibt natürlich ein Zeremoniell. Ich bin aber schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, Divisionsappelle anschließend zu Begegnungen mit den Soldaten untereinander – sie kommen ja aus allen 16 Standorten der Division – aber auch mit den Gästen zu nutzen.

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