Ein Stück Kulturgut geht verloren

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 Wehmut und Dankbarkeit ist den Gesichtern der Sänger des Männervokalensembles Zollernalb beim Schlussapplaus zu sehen.
Wehmut und Dankbarkeit ist den Gesichtern der Sänger des Männervokalensembles Zollernalb beim Schlussapplaus zu sehen. (Foto: Susanne Grimm)
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Mit einem besonderen Konzert hat sich das Männervokalensemble Zollernalb unter der Leitung von Volker Bals von der öffentlichen Bühne verabschiedet. In der vollbesetzten Klosterkirche Gorheim feierten die Besucher am Samstag einen hochkarätigen Männerchor, der über die Grenzen der Kreise Zollernalb und Sigmaringen bekannt und beliebt war. „Nach über 25 Jahren das öffentliche Singen einzustellen, ist für uns ein besonderes Ereignis“, sagte der Sprecher des Chors, Herbert Birmele. Es sei ihnen allen nicht leichtgefallen, diese Entscheidung zu treffen, doch Nachwuchsmangel und Altersstruktur würden ihnen keine andere Wahl lassen. Die Sänger, darunter auch einige Chorleiter, kommen aus der Region Sigmaringen, Winterlingen und dem Heuberg und wurden seit 2014 von Volker Bals aus Sigmaringen geleitet.

Unter dem rauschenden Beifall des Publikums verabschiedete Bals am Ende des Konzerts jeden einzelnen Sänger mit einer roten Rose und einer Urkunde. In einer rührenden Dankesrede bescheinigte er den Männern, „ihr Herz mit Lust und Liebe an die Musik und den Gesang gehängt zu haben, immer noch bestrebt zu sein, Neues zu entdecken und zu lernen“ und trotz des Durchschnittsalters von rund 80 Jahren ihre Kraft aus dem gemeinsamen Singen zu schöpfen. „Die Tiefe ihrer Empfindungen in der gesanglichen Gestaltung hat nicht nur das Publikum, sondern auch mich als Dirigent, berührt und inspiriert!“ Der Erfolg eines Chores sei immer eine gemeinschaftliche Leistung „und damit auch die Leistung jedes einzelnen innerhalb dieser Gemeinschaft“. Deshalb habe er eine Urkunde gefertigt, „mit der ich jedem einzelnen von Sänger Dank und Anerkennung aussprechen möchte“. Die Urkunde sei vom ihm und dem Präsidenten des Chorverbandes Zollernalb, Michael Ashcroft, unterzeichnet worden. Ashcroft sagte, dass sich dieser Chor „in die Herzen seines Publikums wie in Stein eingemeißelt“ habe. Ashcroft weiter: „Ich kann es nicht verstehen, dass sich junge Männer nicht zum Chorgesang hingezogen fühlen.“ „Schade, Schade“, sagte auch Werner Winkler vom Sängerbezirk IV des Chorverbands Sigmaringen. Er bezeichnete das Ensemble als „Paradechor“, der die Chorlandschaft der vergangenen Jahrzehnte entscheidend geprägt habe.

Für das Abschiedskonzert hatten der Dirigent und seine Sänger die ganze Bandbreite des chorischen Singens aufgefächert und dabei ihr Können in allen sakralen Stilrichtungen offenbart. Neben klassischen Liedern wie „Freut euch, ihr lieben Christen“ von Leonhart Schröter beeindruckten die Sänger vor allem auch durch Kirchenlieder der Russisch-Orthodoxen Liturgie, bei denen die Basslagen der Männerstimmen voll zu Geltung kamen. Bei „The little road to Bethlehem“ nahm der Chor das Publikum auf Englisch mit ins Heilige Land. Die mehrstimmigen, sich teilweise überlappenden Gesänge und Stimmlagen machten das Gehörte zu einem Genuss. Tief beeindruckend auch ein Lied aus dem Kölner Gesangbuch von 1625 „Als ich bei meinen Schafen wacht“, mit dem unter die Haut gehenden Solopart von Dieter Drostek.

„Es ist jammerschade, dass sie aufhören“, sagte Veronika Sieber, die mit ihren Freundinnen Edith Dümeland, Elfriede Müller und Anneliese Froitzheim das Konzert besucht hat. „Wir haben in all den Jahren kein Konzert ausgelassen.“ So gehe ein Stück Kulturgut einfach verloren.

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