„Die Revolution frisst ihre Kinder“

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Robespierre spricht, und hinter ihm steht das aufgebrachte Volk und fordert mehr Blut. (Foto: Christoph Wartenberg)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Sigmaringen

Bewundernd muss man immer wieder feststellen, mit welcher Präzision Georg Büchner die Funktionsweise und die Mechanismen von Diktaturen jedweder Couleur bereits im Alter von 22 Jahren erkannt und auf die Bühne gebracht hat. Mit „Dantons Tod“, seinem Drama aus dem Jahre 1835, das zu großen Teilen aus authentischen Zitaten zusammengesetzt ist, hat Büchner das vielleicht früheste Beispiel eines Doku-Dramas vorgelegt. In der Inszenierung des Landestheaters Tübingen von Ralf Siebelt war das Stück jetzt in der Sigmaringer Stadthalle zu sehen.

Danton ist Schulstoff und dennoch muss man lange zurückdenken, um sich an eine Theateraufführung mit so viel Publikum zu erinnern. Das lässt hoffen, und die Zuschauer dürften von dieser Aufführung nicht enttäuscht worden sein. Das LTT bot eine gradlinige, von viel historischem Ballast befreite Aufführung im schlichten Bühnenbild von Timo von Kriegstein, das aus einem großen, bespielbaren Gerüst besteht, das das Blutgerüst schon ahnen lässt.

Dantons Tod bietet den beiden Protagonisten Danton (Martin Maria Eschenbach) und Robespierre (David Liske) die Möglichkeit, die entgegengesetzten Charaktere ausdrucksstark herauszuarbeiten, und diese nutzen beide Schauspieler mit starker, überzeugender Darstellung. Und auch wenn der Zuschauer weiß, dass Danton unter der Guillotine enden wird und in Robespierre den unerbittlichen Bluthund sieht, kann er sich der Argumentation beider nicht verschließen.

Die sanfte Stimme, mit der der selbsternannte Tugendwächter Robespierre die ungeheuerlichsten Dinge propagiert und daraus Konsequenzen fordert – „die Waffe der Republik ist der Schrecken“ –, erinnert an die Lautlosigkeit der Schlange, die man erst bemerkt, wenn sie beißt. Und doch entbehrt seine Analyse revolutionärer Entwicklungen nicht einer gewissen unheilvollen Logik, die die Eigendynamik der meisten Revolutionen hin zum Terror erkennen lässt.

Auf der anderen Seite zeigt sich Danton, der ja zuvor auch etliche Menschen aufs Schafott gebracht hat, von diesem fast zwangsläufigen Mechanismus entsetzt, allerdings erst, als es um seinen eigenen Hals geht. Die Art, wie er sich vom großspurigen Volkshelden, der sich auch ein wenig vom süßen Leben gönnen will, hin zum Häufchen heulenden Elends entwickelt, wird im Verfall dieser Kraftnatur deutlich, ohne dass am Ende Verachtung für den gefallenen Helden aufkommt.

Dass Robespierres Kälte im doppelten Sinne eine einstudierte Rolle ist und der Tugendapostel mit einer gewissen Aufrichtigkeit um den richtigen Weg ringt, kommt im Kontrast mit dem zynischen Technokraten des Terrors, St. Just (Patrick Seletzky – schön als asketische, steife Priesterfigur gezeigt), zum Ausdruck.

Dantons Weggefährten Camille (Christian Beppo Peters), Phillippeau (Philip Wilhelmi) und Herault-Séchelles (Gotthart Sinn), die am Ende mit ihm sterben werden und die ihn frühzeitig von dem, was sich zusammenbraut, warnen, spiegeln das Spektrum, wie man sich mit dem unausweichlichen Tod auseinandersetzen kann. Während Camille seine privaten Angelegenheiten und seine Lebenslust reflektiert, gerät Phillipeau immer mehr in Panik, und Hérault wappnet sich mit Stoizismus.

Jessica Higgins, die man auch kürzlich in Sigmaringen als Maria Stuart sehen konnte, gibt drei Frauenrollen, Dantons Frau Julie, Camilles Frau Lucile und die Grisette Marion, im Prinzip die einzigen Figuren, die im Zuschauer Mitgefühl wecken. Als Ankläger Collot D’Herbois agiert Hildegard Maier über weite Strecken im Off und auf der Bühne mit nüchterner Zweckmäßigkeit.

Die Ton- und Musikeffekte von Jojo Büld unterlegen die Vorgänge eindringlich, die Hintergrundprojektion mit gesprengten, einstürzenden, Bauten spannt die Assoziation vom Zusammenbruch der Monarchie bis zum Untergang der Revolution in der Selbstvernichtung. „Die Revolution frisst ihre Kinder“ (Vergniaud), von 1789 bis 1917. Büchner zeigt, wie Tugendterror von Ideologien und Religionen in den realen Terror mündet, auch wenn sich der Terror dann am Ende gegen seine Verursacher wendet.

Als kleinen Wermutstropfen in einer ansonsten mitreißenden und überzeugenden Aufführung kann man den Schluss sehen. Das Publikum klatscht Beifall, nachdem in einem starken Schlussbild die vier Delinquenten am Gerüst baumeln (anstatt geköpft zu werden). Dann erst folgt der Schlussmonolog von Lucile. Sofern dieser Effekt nicht erwünscht ist – das Volk applaudiert der Hinrichtung – wird hier ein Missverständnis erzeugt, das dem Publikum nicht anzulasten ist.

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