Die Fürstin rümpft die Nase über Pétain

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Carmen Ziwes (links) und Birgit Maienberg stellen bei der neuen Führung auf den Spuren der Vichy-Regierung im Sigmaringer Schlos
Carmen Ziwes (links) und Birgit Maienberg stellen bei der neuen Führung auf den Spuren der Vichy-Regierung im Sigmaringer Schlos (Foto: Fotos: Christoph Wartenberg)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Sigmaringen

Fürstin Margarete ist empört gewesen: „Pétain sitzt an meinem Schreibtisch und schläft in meinem Bett!“, stellte sie indigniert fest. Die Vichy-Regierung im Sigmaringer Schloss ist Gegenstand einer Sonderführung, die Birgit Maienberg und Carmen Ziwes ausgearbeitet haben und die am Freitag, 26. Juni, von 17.30 bis 19.30 Uhr ihre Premiere hat. Dabei werden auch Räume zugänglich gemacht, die in der normalen Schlossführung nicht enthalten sind.

Eine Führung zur Vichy-Regierung hatte schon Daniela Krezdorn angeboten. Die neue Konzeption orientiert sich daran, bietet aber einen anderen Ansatzpunkt, der auch die fürstliche Familie und deren zwangsweisen Umzug ins Jagdschloss Wilflingen berücksichtigt.

Auftakt im Altdeutschen Saal

Aus diesem Grund beginnt die Führung im Altdeutschen Saal, einem repräsentativen großen Wohnraum, der von der Fürstenfamilie auch für private Festlichkeiten wie Geburtstage genutzt wurde. Hier erfahren die Teilnehmer Näheres über Fürst Friedrich Viktor und Fürstin Margarete. Der Raum wird eigens für die Führung geöffnet. Danach geht es in den Ahnensaal, in dem das Fürstenhaus kurz vorgestellt wird.

Am 30. August, so die Familienüberlieferung, kam ein Telegramm von Außenminister Joachim von Ribbentrop, dass das Schloss beschlagnahmt sei und die fürstliche Familie bis zum 7. September ausgezogen sein müsse. Die fürstliche Familie wurde im Wilflinger Schloss unter Bewachung durch die Gestapo in Schutzhaft genommen und praktisch ihrer Freiheit beraubt. Das Schloss Sigmaringen eignete sich besonders zur Unterbringung hochrangiger Persönlichkeiten, da es mit besonderem Komfort ausgestattet war. So gab es zum Beispiel für den 88-jährigen Pétain einen Aufzug in seine Gemächer.

Zu diesem Zeitpunkt stand der deutsche Hochadel unter einem gewissen Generalverdacht, da das Stauffenberg-Attentat erst kurze Zeit zurücklag. Die fürstliche Familie durfte keine Kontakte zur französischen Exilregierung haben.

Zu den skurrilen Randerscheinungen dieser Zeit zählt, dass das Außenministerium für das beschlagnahmte Schloss nach einem genauen Schlüssel Miete an die fürstliche Familie zahlte.

Pétain, seine Frau und Personal wohnten im sogenannten Altenburger Bereich des Schlosses, in dem zuvor der Fürst und seine Frau gewohnt hatten. Vom Schlafzimmer aus hatten der Präsident und seine Gattin einen schönen Blick, der heute auf die Donaubühne führt. Ministerpräsident Laval wohnte in den Josefinengemächern, die auch besichtigt werden. Ebenfalls dort untergebracht waren die „schlafenden Minister“, Männer die wie Pétain und Ministerpräsident Laval zwar ihre Ämter nicht niederlegten, aber aus Protest die Ausübung verweigerten. Ihnen gegenüber standen die aktiven Minister, die die Regierungsgeschäfte führten. Der französische Staatspräsident, der sehr katholisch war, hörte oft die Messe in St. Johann. Es waren dafür auch einige französische Pfarrer mitgekommen. Während der Messe saß Pétain selbstverständlich in der Fürstenloge, er war schließlich ein Staatsoberhaupt.

Der Haushalt von Pétain konnte zu diesem Zeitpunkt, als in ganz Deutschland die Lebensmittel knapp waren, unbegrenzt auf Mangelwaren zugreifen. Die in der Stadt untergebrachten Franzosen erhielten Lebensmittelkarten, die sie in den Lokalen einlösen konnten. Die Deutschen Bewohner bekamen zu dieser Zeit nur noch Eintopf.

Ein Kuriosum, das die Franzosen hinterlassen haben, ist ein Ritzgraffito in einem Nebengang, mit dem einer der begleitenden Soldaten Pétain hochleben lässt und de Gaulle zum Teufel wünscht.

Eine weitere Führung wird am 22. September angeboten. Die Führung kann für Gruppen ab 15 Personen auch gebucht werden. Der Eintritt kostet inklusive Wein und Amuse Geule 15 oder (Jugendliche) elf Euro.

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