Der Sigmaringer Anton Kirsch feiert seinen 90. Geburtstag

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 Anton Kirsch wird 90 Jahre alt. Seit 60 Jahren ist er mit seiner Frau Irmgard Kirsch verheiratet.
Anton Kirsch wird 90 Jahre alt. Seit 60 Jahren ist er mit seiner Frau Irmgard Kirsch verheiratet. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Anton Kirsch wird am Donnerstag 90 Jahre alt. Als Schulleiter der kaufmännischen Schulen ist er mit seiner Familie nach Sigmaringen gekommen. Von 1963 bis 1992 leitete er die heutige Ludwig-Erhard-Schule. Kirsch war zudem mehr als 30 Jahre Stadtrat, davon 20 Jahre stellvertretender Bürgermeister, und lenkte die Geschicke der Stadt wesentlich mit. Die Ehrenämter flogen ihm zu. Stück für Stück hat er diese inzwischen abgegeben. Den Seniorenring wird er im Vorstand weiter unterstützen. Bei guter Gesundheit freut er sich nun, dass er mit seiner Frau Irmgard das Kulturangebot der Stadt nutzen kann.

Am 22. August 1929 wurde Anton Kirsch in Ellwangen als ältestes von sieben Kindern geboren. 1942 musste er, der bis dahin einzige Sohn der Familie, als ältester Enkel zu seinen Großeltern nach Neckarsulm. Dort machte er auch mit einigen kriegsbedingten Hindernissen das Abitur. Vor dem Ende der Mittelstufe wurden er und seine Schulkameraden vier Wochen an den Westwall geschickt, um Schützengräben zu bauen. Im letzten Kriegsjahr erhielt er mit 15 Jahren den Stellungsbefehl. Die Großmutter ging jedoch zum Rathaus und zerriss diesen mit den Worten, sie habe fünf Söhne im Krieg, drei davon vermisst und gefallen, sie lasse es nicht zu, dass ihr Enkel eingezogen werde. „Es ist nichts passiert, das hat mich gewundert“, so Anton Kirsch heute. Er durfte dann mit den Mädchen weiter die Oberstufe besuchen.

Anton Kirsch studierte Theologie

Gegen Ende des Krieges stand er vor der Bäckerei für Brot an. Hinter ihm wartete sein Schulleiter in der Schlange. Über ihnen kreiste ein Aufklärungsflugzeug. Plötzlich wurde von der anderen Neckarseite, die die Amerikaner bereits eingenommen hatten, geschossen. Alle in der Warteschlange legten sich auf den Boden. Als die Schießerei aufhörte, wollte er aufstehen, aber sein Schulleiter blieb tot über ihm liegen. Anton rannte vor Schreck so schnell er konnte nach Hause. Vor der Diktatur wurde im Elternhaus die katholische Zentrumspartei gewählt. Der katholische Glauben blieb der Familie auch in der Nazizeit wichtig. Der Jugendliche Anton traf sich heimlich mit anderen Kameraden der verbotenen christlichen Jugend auf dem Dach einer Garage: „Wir wussten, wie wir uns zu verhalten hatten, und auch, welche Lehrer linientreu waren.“

Nach dem Krieg studierte Kirsch Theologie in Tübingen. Dort traf er seine spätere Frau in der Maiandacht. Dies nahm ihm die Entscheidung ab, ob er Pfarrer oder Lehrer werden würde. Nach dem Examen studierte er noch Wirtschaftswissenschaften mit dem Abschluss als Diplom-Handelslehrer. Er wollte als fest angestellter Lehrer arbeiten.1959 wurde geheiratet und er erhielt nach dem Referendariat seine erste Stelle in Reutlingen. Der dortige Schulleiter fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, in Sigmaringen die kaufmännischen Schulen mit einem Wirtschaftsgymnasium aufzubauen. Die Familie – zwei Töchter waren schon da, der Sohn würde bald auf die Welt kommen – zog nach Sigmaringen. 1963 übernahm er das Amt des Schulleiters. Die bereits vorhandene Berufsschule und die Handelsschule wurden zusammengelegt und einige Jahre danach konnten die ersten Schüler schließlich auch in Sigmaringen das Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium ablegen.

Parteiübergreifendes Engagement

Schon früh ging Kirsch für die CDU in den Gemeinderat. Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, war für ihn selbstverständlich. Fraktionsübergreifend setzte er sich dabei auch immer für die Kulturarbeit in der Stadt ein. „Sein Engagement ging immer über die Parteigrenzen hinweg“, sagt Ulrike Tyrs, die selbst viele Jahre für die SPD als Stadträtin aktiv ist. Er habe die Entwicklung der Stadt entscheidend mitgeprägt. So hat er sich auch dafür eingesetzt, dass beim Umbau der Alten Schule die obere Etage für Ausstellungen frei blieb. Im Ehrenamt übernahm er unter anderem Verantwortung in der Gesellschaft für Kunst und Kultur (Kuku) und in den Ateliers im Alten Schlachthof.

Nach sechs Jahren als Kuku-Vorsitzender betreute er das Ressort Ausstellung, das nicht besetzt war. „Dann bin ich da reingewachsen“, so Kirsch. Mit dem renommierten Ausstellungsorganisator Roland Doschka zusammen machte er seine erste Ausstellung. Manchmal sei er nachts noch in die Stadt gefahren, um zu schauen, ob die wertvollen Exponate auch sicher waren. Einmal, so Kirschs Frau Irmgard, habe sie alle Ämter und Abendkurse, die er zusätzlich noch gegeben hat, gezählt: „Insgesamt waren es 24 Ämter, weil er nie ‚Nein‘ sagen konnte.“ Und ihr Mann ergänzt: „Es gab Situationen, da war kein anderer da.“

Anton Kirsch war gerne Lehrer, auch wenn er zuletzt nur noch die vier Pflichtstunden unterrichten konnte. In seinem Ruhestand ging er verstärkt auf Reisen: „Ich wollte schon früh nach Afrika.“ Botswana beeindruckte ihn besonders. Gemeinsam nutzte das Paar die Reisen mit der Gesellschaft für Kunst und Kultur und schätzt immer noch die regional organisierten Ausflüge. An seinem Geburtstag ist Anton Kirsch in Sigmaringen, aber zwei Tage später wird zusammen mit der Großfamilie in Ellwangen gefeiert. Das heißt, neben seinen drei Kindern mit vier Enkelkindern werden auch seine Geschwister mit ihren Familien dabei sein. Es soll ein richtig großes Fest werden. Manche Nachkommen seiner Geschwister habe er noch nicht gesehen.

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