Der Landesvater als historisches Subjekt

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Landesväter (von links) stehen beim Geburtstag von Winfried Kretschmann beisammen: Erwin Teufel (CDU) Ex Ministerpräsident, Winf
Landesväter (von links) stehen beim Geburtstag von Winfried Kretschmann beisammen: Erwin Teufel (CDU) Ex Ministerpräsident, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, mit Ehefrau Gerlinde und Günther Oettinger (CDU), Ex-Ministerpräsident. Archivfoto: Marijan Murat/dpa (Foto: Archiv: Marijan Murat/dpa)
Schwäbische Zeitung

Einen Vortrag zum Thema „Der Landesvater – Historische Anmerkungen zu einem Topos der deutschen politischen Kultur” hält Dr. Paul Münch am Montag, 8. April, im Staatsarchiv in Sigmaringen. Beginn ist um 20 Uhr, Veranstalter ist der Hohenzollerische Geschichtsverein.

Landesvater – die Bezeichnung für Ministerpräsidenten deutscher Bundesländer begegnet den Lesern in der Presse fast täglich. Wenn man verstehen will, warum dieser Ehrenname so populär ist, muss man weit in die Geschichte zurückblicken, genau genommen bis in die Römerzeit.

Der bebilderte Vortrag versucht, zu erklären, warum sich der „Landesvater“-Titel in Deutschland bis zum Ende der Fürstenherrlichkeit vor 100 Jahren, aber auch noch später einer großen Beliebtheit erfreute. Der letzte Hechinger Hohenzollernfürst Friedrich Wilhelm Konstantin wurde „Landesvater“ genannt und gab selbst gerne den „Landesvater“. Auch mancher Ministerpräsident unserer Tage findet Gefallen an dieser Rolle, obgleich die Unvereinbarkeit des gemütvollen Titels mit der Verfassung demokratischer Staaten auf der Hand liegt.

Immanuel Kant hat schon vor zweieinhalb Jahrhunderten eine „väterliche Regierung“ als „größten denkbaren Despotismus“ gebrandmarkt. Andere Aufklärer verurteilten ähnlich scharf den obrigkeitlichen Patriarchalismus, der die Untertanen zu unmündigen „Kindern“ degradiere.

Das Thema hat auch seine komischen Seiten. In einem Internetblog meinte eine Dame, der Begriff sei biologisch falsch, weil ein Mensch gar nicht Vater von so vielen Menschen in einem Land sein könne, eine Annahme, der man schwerlich widersprechen kann. Ähnlich „naive“ Fragen offenbaren den Anachronismus und die Absurdität der Landesvatermetapher in demokratischen Staaten: Mutiert die Ehefrau eines „Landesvaters“ automatisch zur „Landesmutter“? Warum wird der Ehemann einer regierenden „Landesmutter“ nicht „Landesvater“ genannt? Besitzen die leiblichen Kinder eines „Landesvaters“ als „Landeskinder“ eine doppelte Qualifikation?

Der Referent Dr. Paul Münch war einige Jahre als Volksschullehrer tätig, bevor er nach Studium, Promotion und Habilitation in Tübingen an der Universität Duisburg-Essen von 1984 bis 2006 als ordentlicher Professor Neuere Geschichte lehrte. Die Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit sind Konfessions-, Sozial- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit sowie Historische Anthropologie.

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