„Das Problem sind nicht die Plastikstrohhalme“

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„Verpackungen gibt es schon seit tausenden von Jahren“, weiß Professor Markus Schmid. Doch wie lassen sie sich reduzieren?
„Verpackungen gibt es schon seit tausenden von Jahren“, weiß Professor Markus Schmid. Doch wie lassen sie sich reduzieren? (Foto: Jens Büttner/dpa)
Schwäbische Zeitung

Bei dem Wort „Plastik“ haben viele automatisch schwimmende Müllinseln im Kopf. Kunststoff wird immer mehr verteufelt, Unverpackt-Läden schießen aus dem Boden und auch im Supermarkt achten die Verbraucher darauf, Plastikverpackungen zu vermeiden. Der 39-jährige Professor Markus Schmid forscht an der Fakultät Life Sciences an nachhaltigen Verpackungskonzepten. Im Gespräch mit Redakteurin Mareike Keiper klärt er auf, ob Kunststoffe tatsächlich so verwerflich ist und worin ein noch größeres Problem liegt.

Seit wann gibt es Verpackungen?

Verpackungen gibt es schon seit tausenden von Jahren. Damals verwendeten die Menschen Materialien wie sie in der Natur vorkommen, zum Beispiel ein großes Blatt, um Nüsse oder Samen vor negativen Einflüssen von außen zu schützen. Die modernen Verpackungen aus Kunststoff, wie sie heute im Lebensmitteleinzelhandel erhältlich sind, gibt es wiederum noch nicht so lange. Die industrielle Kunststoffproduktion begann in den 50er-Jahren und nimmt bis heute zu. Damals hat man gemerkt, dass Kunststoffe viele Vorteile haben.

Was sind denn die Vorteile?

Im Vergleich zu anderen Packstoffen sind Kunststoffe leicht, vielfältig einsetzbar, können in jede Form gebracht und intelligent kombiniert werden, zum Beispiel zu Mehrschichtverbundfolien. Hierdurch lassen sich die individuellen Eigenschaften von unterschiedlichen Kunststoffen kombinieren, um Folien an die Anforderung des Packgutes ideal anzupassen. Das Problem dabei: Diese Mehrschichtverbundfolien lassen sich nicht recyceln, weil sich die Verbundpartner nicht wirtschaftlich sortenrein trennen lassen. Sie landen in einer Müllverbrennungsanlage und werden thermisch verwertet. Man nutzt also den Energiegehalt der Verpackung.

Das klingt ja erst einmal wenig problematisch. Trotzdem hört man immer wieder von riesigen Müllmengen im Meer. Wie passt das zusammen?

Studien zeigen, dass etwa 90 Prozent des Kunststoffs im Meer aus zehn Flüssen stammt, davon acht in Asien und zwei in Afrika. Quellen sind zum Beispiel der Abrieb von Kleidung und Inhaltsstoffe in Kosmetika oder auch Kunststoffmüll, die über ungesicherte Deponien oder auch direkt durch den Menschen ins Meer gelangen. Die Herkunft von Mikroplastik in deutschen Gewässern ist maßgeblich auf den Abrieb von Reifen zurückzuführen. Das Problem sind also nicht zwingend die Plastikstrohhalme, die wir konsumieren.

Apropos Strohhalme: Wie sinnvoll ist denn das Verbot der Plastikstrohhalme, das die EU durchgesetzt hat?

Verbote halte ich für eingeschränkt sinnvoll. Wenn man Kunststoffstrohhalme verbietet, ist die Einschränkung der Menschen immerhin gering, es gibt ja Alternativen aus Pappe, Glas oder Metall. Kunststoff generell wegzulassen, fördert aber andere Probleme zu Tage. So könnten Lebensmittelverluste ansteigen, denn wenn ich Lebensmittel weniger gut oder gar nicht verpacke und dadurch die Haltbarkeit reduziere, steigt das Risiko, dass Menschen mehr Lebensmittel wegwerfen. Das wäre ein großes Problem, denn im Lebensmittel sind deutlich mehr Ressourcen gebunden als in dessen Verpackung. Wirft man mehr Lebensmittel weg, wäre der negative Umwelteinfluss deutlich größer als wenn wir auf vermeintlich unnötige Verpackungen verzichten würden. Kunststoffreduktion ist aber schon sinnvoll: Wird nur so viel Verpackung verwendet wie notwendig ist, um die Lebensmittel maximal zu schützen, machen wir es richtig.

Wo braucht man denn eine Verpackung, wo nicht?

Das kommt sehr stark auf das jeweilige Produkt und die Lebensgewohnheiten der Verbraucher an. Es hängt zum Beispiel davon ab, ob der Verbraucher die Zeit hat, mehrmals wöchentlich einkaufen zu gehen. Ein konkretes Beispiel vom Metzger: Wenn ich dort aufgeschnittene Gelbwurst kaufe, die in Einwickelpapier oder in den extra mitgebrachten Tupperbehälter gepackt ist, hält sie nur wenige Tage. Ein Single, der Samstag einkaufen geht und über die Woche auf Geschäftsreise ist, kommt zurück und findet die ranzige Gelbwurst im Kühlschrank. Er könnte jetzt auch 100 Gramm in einer Schutzgasverpackung kaufen, die er nach der Reiseverzehren kann. Sie hält sich mehrere Wochen. In diesem Fall beugt Verpackung der Lebensmittelverschwendung vor und leistet damit einen deutlichen Beitrag zur zur Nachhaltigkeit.

Trotzdem gibt es Kritik an Plastik, es gilt als Faktor, der den Klimawandel vorantreibt.

Die Aussage, dass Kunststoffe schlecht sind, kann ich so nicht treffen. Ich sehe das pauschale Kunststoff-Bashing skeptisch, unter anderem weil Schnellschüsse gemacht werden. Im Supermarkt findet man inzwischen Verpackungen, bei denen auf vorher schon existierende eine Kunststofffolien einfach Papier aufkaschiert wird, damit es ökologischer wirkt. Ist das jetzt nachhaltiger? Verpackung sollte man nicht pauschal als Feind sehen, sondern als nützlich.

Also ist das von Ihnen genannte Plastik-Bashing übertrieben?

Wenn es mit weniger Verpackung oder mit alternativen Materialien geht, dann ist das super, solange die Schutzfunktion für das Produkt erfüllt bleibt. Deshalb ist es gut, dass der Verbraucher sensibilisierter ist und nach nachhaltigeren Verpackungslösungen verlangt.

Welche Alternativen zu Kunststoff gibt es denn momentan?

Es gibt durchaus alternative Verpackungsmaterialien, die auf dem Verpackungsmarkt verfügbar und vertretbar sind. Im Rahmen einer Studie wurde abgeschätzt, dass momentan immer noch weniger als ein Prozent der Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen und/oder biologisch abbaubar sind. Sie haben für viele Anwendungen die richtigen Eigenschaften, aber andere fehlen noch, zum Beispiel die Schutzfunktion gegenüber Sauerstoff. Außerdem sind die Ansätze, die es für den Markt gibt, noch etwas teuer – und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit können sie nur dann leisten, wenn die Produkte tatsächlich in der Masse am Markt Anwendung finden. Und genau deshalb verfolgen wir an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen mit unseren Partnern unterschiedliche Lösungsansätze, nachhaltigere Verpackungsmaterialien zu entwickeln, die den Anforderungen an Lebensmittelverpackungen gerecht werden und zu marktfähigen Preisen produziert werden können.

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