Das Ein-Mann-Trommelorchester

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Bei seinem Auftritt im Alten Schlachthof beweist Lucas Niggli das richtige Gespür für Klangfarben, Dynamik und Kontraste.
Bei seinem Auftritt im Alten Schlachthof beweist Lucas Niggli das richtige Gespür für Klangfarben, Dynamik und Kontraste. (Foto: Christoph Wagner)
Christoph Wagner

Der Schweizer Spitzenschlagzeuger Lucas Niggli hat am Freitagabend ein Konzert im Kulturzentrum „Alter Schlachthof“ in Sigmaringen gegeben. Nicht anzuhören war ihm dabei, dass er alleine auf der Bühne saß: Seine Musik glich der eines ganzen Trommelorchesters.

Schlagzeuger waren lange Zeit das fünfte Rad am Wagen einer Jazzband. Sie wurden als Musiker nicht richtig ernst genommen. Ihnen kam die Aufgabe zu, den Takt zu markieren und das Tempo zu halten – mehr nicht. Während Pianisten, Saxofonisten und Trompeter im Rampenlicht standen und sich im Applaus sonnten, fristete der Drummer im hinteren Teil der Bühne eine kaum beachtete Existenz. Er war einzig und allein als Rhythmusknecht gefragt.

Mit Baby Dodds änderte sich das. Der Drummer von Louis Armstrong war selbstbewusst genug, um als erster solistisch hervorzutreten. Seither sind Jahrzehnte vergangen und die Welt des Jazzschlagzeugs sieht völlig anders aus. Schlagwerker haben sich emanzipiert und mit den anderen Instrumentalisten gleichgezogen. Dass ein Trommler heute ganz alleine ohne Mitmusiker ein abendfüllendes Konzert bestreitet, ist keine Seltenheit mehr. Bei seinem Auftritt im Alten Schlachthof demonstrierte Lucas Niggli diese Entwicklung in eindrucksvoller Weise.

Sinn für Form und Struktur

Um nicht einfach nur ein langes konventionelles Schlagzeugsolo zu trommeln, sondern ein Konzert von über einer Stunde abwechslungsreich zu gestalten, braucht es ein Gespür für Klangfarben, Dynamik und Kontraste sowie einen Sinn für Form und Struktur. Dafür erwies sich Lucas Niggli als der richtige Musiker.

Der Schweizer schöpfte alle Möglichkeiten aus, die sein beachtliches Arsenal an Trommeln und Metallbecken bot, das er um eine Vielzahl kleiner Klangerzeuger und perkussiver Instrumente ergänzt hatte. Da gab es Maracas, Holzblocks, Eisenplatten, Schellenringe, Gongs und Glöckchen, die Niggli mit Stöcken und Klöppeln in allen erdenklichen Größen und Stärken anschlug, touchierte und rieb. Das Spektrum an Gerätschaften, die er hochvirtuos und voller Energie handhabte, reichte vom riesigen Gongschlägel bis zur Stricknadel. Selbst ein Geigenbogen, mit dem er den Becken singende Töne entlockte, kam zum Einsatz.

Der Mann aus Uster setzte ein polyphones Trommelspiel in Gang, in dem er etwa mit dem Gong langanhaltende Klangflächen schuf, über die er dann eine zweite Ebene an manchmal explosiven Rhythmen und Schlagmuster legte. Gelegentlich meinten die Zuhörer nicht einem Solisten zu lauschen, sondern einem ganzen Trommelorchester, so dicht, komplex und vielschichtig gestaltete sich die Musik.

Was einst Baby Dodds angestoßen hat, ist nach 70 Jahren zu einem umfassenden Konzept solistischer Perkussionsmusik gereift. Niggli hat in den vergangenen Jahren schon ein halbes Dutzend Mal mit verschiedenen Ensembles in Sigmaringen gastiert. Nach dem begeisterten Applaus zu urteilen, dürfte der jüngste nicht sein letzter Auftritt im Alten Schlachthof gewesen sein.

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