Bezirkskantor und Pfarrer sitzen auf der Stange

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Pfarrer Matthias Ströhle verteilt als Hippie Gustele.
Pfarrer Matthias Ströhle verteilt als Hippie Gustele. (Foto: Fotos: Anna-Lena Buchmaier)
Schwäbische Zeitung

Der evangelische Pfarrer hat lang warten müssen, bis er auf die Stange durfte: Beim historischen Bräuteln auf dem Rathausplatz kam Matthias Ströhle nach anderthalb Stunden als letzter dran. Weil er jüngst hergezogen ist, wurde Ströhle die Ehre des Bräutelns durch die Narrenzunft Vetter Guser zuteil. Angeblich hat es viel Überredungskunst gebraucht, den Geistlichen für das Ritual zu gewinnen: Susanne Heckel vom evangelischen Kirchengemeinderat habe „so lange am Matthias Ströhle rumgemacht, bis er sich hat bräuteln lassen“, so die Ansage vom Rathausbalkon. Als Hippie verkleidet brachte der Pfarrer massenweise Guzele unters Volk. Ströhle stammt aus Geislingen, besuchte ein kirchliches Musikinternat und sein Hobby, so hieß es, sei seine Modelleisenbahn.

Ein weiterer Lokalmatador wurde anlässlich seiner grünen Hochzeit gebräutelt, ist also frisch verheiratet: Bezirkskantor Bruno Hamm, seit 2016 hauptamtlicher Kirchenmusiker bei der katholischen Seelsorgeeinheit Sigmaringen. Ohne Hut, dafür mit Hohenzollernflagge auf der Wange, bestritt er seinen Ritt auf der Stange. 2017 hat er seine Frau Nadine geheiratet.

Mit einem Handyfoto vom Schloss habe er sie überredet in die schöne Hohenzollernstadt zu ziehen – offenbar mit Erfolg. Zwischenzeitlich ist Hamm auch Vater geworden. Sohn Johannes ist bereits getauft und im Vergleich zu seinem Vater ein waschechter Semerenger. Denn der hat noch nicht mal das Karlsruher Autokennzeichen umgemeldet.

Enkel vertritt den Großvater

Auch die anderen Bräutlinge schlugen sich wacker, von der Stange gefallen ist am Dienstag keiner. Anstelle von Werner Kortmann, der anlässlich seiner Diamantenen Hochzeit gebräutelt werden sollte aber altersbedingt nicht konnte, durfte dessen Enkel Tobias Stehle als erster ran. Uli Ott war auch einer der Bräutlinge. Seine Familie ist seit Jahren in der Sigmaringer Fasnet engagiert, er selbst war zwölf Jahre lang als Narrenrat beim Vetter Guser tätig und ist heute noch Kontrabassist beim Semerenger Allerlei.

Schbiallumbaschlecker, Schlossnarro und Fledermaus

Auch ein Schbiallumbaschlecker (Peter Kiner), ein Schlossnarro (Dieter Kühnapfel) und eine braune Fledermaus schafften es auf die Stange: Ralf Hermann wohnt zwar in Langenenslingen, ist aber, was die Fasnet angeht, überzeugter Semerenger und Vetter-Guser-Mitglied. Er heiratete sogar an einem Fasnetssamstag – vor 25 Jahren.

Frederik Armbruster und Marius Frank waren früher selbst Bräutlingsgesellen und mussten einst schwer schleppen, am Dienstag saßen sie als frisch vermählte Bräutlinge auf der Stange und freuten sich „des Lebens“.

 

Die Bräutlinge zeigten sich allesamt großzügig: Mandarinen, Honig, Würste, Brötchen, Schokolade und süße Stückle flogen durch die Menge und natürlich jede Menge Bonbons, Gummibärchen und Schokoriegel. Dazu spielte der Spielmanns- und Fanfarenzug auf, die verschiedenen Gruppen der Narrenzunft und Gäste in bunten Kostümen sorgten für einen farbenfrohen Anblick.

Manch einer der Bräutlinge machte sich einen Spaß daraus, seinen Süßigkeiten-Korb mit einen doppelten Boden zu versehen, und just in den Moment noch eine Runde Brezeln zu werfen, als die schwer schleppenden Bräutlingsgesellen schon erleichtert dem Ende des Ritts entgegen fieberten. Immerhin war die Bräutlingsstange kürzlich neu gepolstert worden.

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