Becker zeigt Spuren der Vichy-Regierung

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Im Haus Güntert (gelb im Hintergrund) betreibt Céline seine Arztpraxis, erläutert Otto Becker (links).
Im Haus Güntert (gelb im Hintergrund) betreibt Céline seine Arztpraxis, erläutert Otto Becker (links). (Foto: Gabriele Loges)
Schwäbische Zeitung
Gabriele Loges

Der Historiker Otto Becker hat gut 30 Personen im ersten Teil der Vichy-Führung des Hohenzollerischen Geschichtsvereins durch Sigmaringen geführt. Von September 1944 bis zum 21. April 1945 waren das Schloss und das heutige Staatsarchiv exterritoriales Gebiet, waren „Frankreich“. Die Stadt und einzelne Gebäude erzählen Geschichten von den letzten acht Monaten der Kollaboration und der Nazizeit. Vom Haus Güntert bis zum Hoftheater ging der erste Teil der Führung, der zweite folgt am heutigen Samstag, um 16.30 Uhr. Treffpunkt ist im Garten hinter dem Prinzenbau beziehungsweise Staatsarchiv.

Otto Becker kennt sich bestens in der Geschichte der Vichy-Regierung in Sigmaringen aus. Er ist auch einer der wenigen deutschen Historiker, die in französischen Publikationen zitiert werden. Immer wieder kommen französische Geschichtsinteressierte und fragen nach diesem Teil der Historie, der in Frankreich erst langsam thematisiert wird. Für viele war mit der Befreiung von Paris im August 1944 die Schreckensherrschaft zu Ende. Franzosen, die mit den Deutschen sympathisierten oder vom System profitierten, befürchteten damals jedoch Vergeltungsmaßnahmen und flohen dorthin, wo von Hitler die Vichy-Regierung versetzt wurde. 2000 Menschen mehr, bei 5000 Kernstadtbewohnern, musste die Stadt verkraften. Ein logistisches Problem, so Becker, das kaum zu bewältigen war. Die Vichy-Regierung kam ins Schloss – „man hat so getan, als ob sie wichtig wären“ – und bestand aus rund 80 Personen, dazu kam die Miliz, die im ehemaligen Museum, heute Hofgarten, einquartiert wurde und unkontrolliert kamen auch Privatpersonen. Die französische Regierung selbst verweigerte die Mitarbeit: „Sie dinierten, diskutierten und intrigierten.“

Wer wohnte wo? Wer machte was? Bei dieser Führung kamen auch Sigmaringer, die ihr Wissen auffrischen wollten oder eigenes beisteuern konnten. Becker forderte die Zuhörer auf: „Halten Sie sich nicht zurück, ich habe in Gesprächen vor Ort schon viele wichtige Informationen erhalten.“ Das Geschichtsbild bleibt in Bewegung. Gleichzeitig verschwinden Gebäude und historische Bezeichnungen. Becker bedauert, dass es den Verantwortlichen allzu oft an historischem Bewusstsein fehlt.

Ein faschistischer Dichter

Beim Haus Güntert bei der Nepomukbrücke wird der unter seinem Künstlernamen Céline bekannte Schriftsteller vorgestellt: In Sigmaringen war er vor allem für die Miliz zwei Stunden täglich als Arzt tätig. Viel lieber ging er jedoch zu Madame Bonnard, der 90jährigen Mutter des Ministers Abel Bonnard, die „ganz exzellent die Literatur“ kannte. Die „Zwangseinwohner“ in der Stadt litten Hunger, die Räumlichkeiten waren beengt. Die Sigmaringer nahmen sie offensichtlich dennoch geduldig auf. Im Fidelishaus wurden von den Franziskanerinnen viele Bedürftige unter extremen Bedingungen versorgt. Ein wichtiger Aspekt im „Zusammengehören“ habe die Kirche gespielt. Jeden Sonntag um elf Uhr wurde auf Französisch eine Messe gelesen. Marschall Pétain und Gattin saßen regelmäßig in der Fürstenloge. Auch der hitlerkonforme Jacques Doriot, der am 22. Februar 1945 bei Menningen vom Flugzeug aus abgeschossen wurde, hat in Sigmaringen seine Spuren hinterlassen.

Zur weiteren Information: Otto H. Becker: Neue Beiträge zur Geschichte der Stadt Sigmaringen während des Aufenthalts der Vichy-Regierung 1944/45. In: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte, 2011/2012.

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