Bartweltmeister rasiert sein Markenzeichen ab

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Bart-Meister Willi Chevalier (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Krauchenwies und Inzigkofen

Für seine Freunde und Verwandten völlig überraschend hat sich Willi Chevalier am Samstagabend von seinem vielfach prämierten Bart getrennt. Was er selbst von langer Hand geplant hatte, wurde bei seiner Geburtstagsparty zum Coup: „Alle gehen davon aus, dass es eine ganz normale Feier wird“, hatte der 76-Jährige vergangene Woche in der Sigmaringer SZ-Redaktion gesagt, die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit in seine Pläne eingeweiht hatte.

Gegen 18.30 Uhr legten er und Teile seiner Familie selbst Hand an und entfernten die weltmeisterliche Gesichtsbehaarung komplett. Doch warum das Ganze? „Alles hat seine Zeit, und nun ist eben die Zeit für etwas anderes gekommen.“ Doch nicht alle Familienmitglieder fanden die Idee Chevaliers gut. „Einige haben mir schon deutlich zu verstehen gegeben, dass sie die ganze Aktion nicht witzig fanden“, sagte er am Sonntag. Deshalb falle es ihm auch noch schwer, sich über sein neues Aussehen zu freuen. Die Misstöne müsse er jetzt erst einmal sacken lassen.

Ein Bart als Ersatz für Nikotin

Einen Bart habe er eigentlich schon immer gehabt, „anfangs einen Kinnbart“, sagt er. Doch das änderte sich, als Willi Chevalier aus einer Laune heraus irgendwann in den 1980ern mit dem Rauchen aufhörte. Während andere nach einem solchen Schritt im Essen eine Ersatzbefriedigung finden, „habe ich mir eben einen Bart wachsen lassen. Das war mein Ersatz“. 1996 holte Chevalier seinen ersten Titel und wurde Sigmaringer Stadtbartmeister. Noch im selben Jahr belegte er den dritten Platz bei der deutschen Bartmeisterschaft, und danach folgten eigentlich nur noch Plätze ganz oben auf dem Siegertreppchen.

Ob deutsche Meisterschaften, Europa- oder Weltmeisterschaften: Willi Chevalier gewann sie alle. Disziplin: Kinnbart Freistil. Seine Bartfrisur: frei erfunden und unverwechselbar. Selbst Rückschläge brachten ihn nicht aus der Spur. 2003 konnte er nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen, weil er mit seinem Bart nach einem Unfall mit Gesichtsverletzungen praktisch bei Null anfangen musste. „Aber 2005 bin ich dann in Berlin schon wieder Weltmeister geworden.“

Zwei Dosen Haarlack für einen Wettbewerb

Wie viel Shampoo und Haarlack er im Lauf der Jahre verbraucht hat, das kann Willi Chevalier beim besten Willen nicht beziffern. Wenn er seinen Bart für einen Wettbewerb in einer rund dreistündigen Prozedur in Form bringen musste, benutzte er im Schnitt zwei Dosen Haarlack. Doch auch der Alltagsbart brauchte viel Zuwendung: „Ich wasche ihn jeden Tag mit Shampoo und föhne ihn glatt“, sagt Chevalier. Damit er ihn gleichzeitig in Form bringen und trocknen konnte, hat der 76-Jährige sogar einen Föhn-Apparat erfunden, für den er keine freie Hand brauchte.

Ohne Bart keine Abenteuer

Hätte Willi Chevalier seinen Bart nicht gehabt, wären ihm in seinem Leben viele Abenteuer entgangen – davon ist er überzeugt. Seien es die Reisen in die USA (wo er auch Preise abräumte) oder Auftritte in verschiedenen Fernsehshows: „Das habe ich alles meinem Bart zu verdanken.“ Der brachte ihm sogar eine Reise nach Ghana ein.

Vor rund 15 Jahren zeigte Chevalier, der unter anderem auch Tanzstunden gibt, einem Ghanaer in Sigmaringen Standardtänze. Dessen Sohn war damals im hiesigen Krankenhaus in Behandlung. 2003 lud er Chevalier dann nach Ghana ein, damit dieser auch dort einen Tanzkurs gibt. „Am Flughafen wurden wir aber mit einem regelrechten Staatsakt empfangen. Presse und Fernsehen waren da, sogar eine Blaskapelle hat gespielt“, sagt Chevalier. Mit dem Tanzen habe das nichts zu tun gehabt: „Das war alles mein Bart.“

 

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