Bahnhof in Sigmaringen wird zum Brennpunkt

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Rangeleien, Pöbeleien, Trinkgelage, Drogendelikte, Raubüberfälle, Körperverletzungen – kaum ein Tag vergeht, an dem das Gebiet rund um den Sigmaringer Bahnhof und den Prinzengarten nicht in den Schlagzeilen steht. Was sind die Ursachen? Und wie schätzt die Polizei die Probleme ein? Unsere Reporterer berichten aus Sigmaringen.

Schwäbische Zeitung

Rangeleien, Pöbeleien, Trinkgelage, Drogendelikte, Raubüberfälle, Körperverletzungen – kaum ein Tag vergeht, an dem das Gebiet rund um den Sigmaringer Bahnhof und den Prinzengarten nicht in den Schlagzeilen steht. „Das sind Verhältnisse wie in Berlin oder Hamburg“, sagt ein Mitarbeiter des Bahnhofskiosks.

Die Polizei bestätigt den subjektiven Eindruck vieler Bürger, spricht von einem Anstieg der Straftaten im Stadtgebiet und beschreibt einen Zusammenhang zu „einigen Asylbewerbern in der LEA ohne Bleibeperspektive“. Die Bahn ist ebenfalls alarmiert: „Die schwierigen Verhältnisse im und um das Bahnhofsgebiet haben sich auf unsere Bahnanlagen ausgewirkt“, sagt ein Bahnsprecher. Was sagen Pendler? Was sagt der Kioskbetreiber? Und wie schätzen Verantwortliche der LEA die Situation ein?

Antworten auf drängende Fragen rund um das Thema Bahnhof:

  • Passanten meiden das Bahnhofsgebiet, das Sicherheitsgefühl von Bahnkunden ist gestört. Worauf ist dies zurückzuführen? „Alkohol ist ein großes Problem“, sagt eine 44-jährige Pendlerin, die häufig von Sigmaringen aus mit dem Zug fährt. Schon mittags sehe sie Leute mit hartem Alkohol. „Ein Mann wollte sich mit mir unterhalten und er hat nicht kapiert, dass ich dies nicht will“, sagt die Frau, die mit der Bahn zur Arbeit nach Herbertingen pendelt.Getrunken wird in der Wartehalle, auf den Treppen vor dem Bahnhofsgebäude und entlang der Bahnhofstraße. Je nach Witterung wechseln die Menschen den Ort. Ein Brennpunkt ist eine Sitzgelegenheit am Busbahnhof auf der Seite zum Prinzengarten hin. „Hier wird mit Drogen gedealt“, hat ein Mitarbeiter des Kiosks beobachtet. Laut einer Polizeimitteilung ist in der vergangenen Woche gegen 15 Menschen, die Passanten anpöbelten, ein Platzverweis ausgesprochen worden. Dies bedeutet, die betreffenden Personen dürfen das Gebiet eine Zeitlang nicht betreten.Eine Frau spricht von einer „unterschwelligen Angst“. Sie habe keine Angst um ihr Leben, aber sie spüre eine „Spannung“, wenn sie sich rund um den Bahnhof bewege. Ein Mann, der regelmäßig von Sigmaringen aus mit der Bahn fährt, kann die Ängste anderer Pendler wiederum nicht nachvollziehen. Er habe davon bislang nichts mitgekriegt.
  • Stimmt es, dass der Prinzengarten zu einem Umschlagplatz für Drogen geworden ist? Die Polizei bekommt von Bürgern immer wieder derartige Hinweise und reagiert mit Kontrollen. Ende Oktober gab es einen größeren Polizeieinsatz. Die Eingänge des Stadtparks wurden abgeriegelt und die sich im Prinzengarten befindenden Personen gefilzt.Die Ausbeute: eher dürftig. Etwa zwei Gramm Marihuana wurden beschlagnahmt sowie drei zur Fahndung ausgeschriebene Personen festgenommen. Neben den Polizeihundeführern des Polizeipräsidiums Konstanz kamen auch Hundeführer vom Hauptzollamt Ulm mit ihren Drogenspürhunden zum Einsatz.
  • Wie sieht die Sicherheitslage innerhalb des Bahnhofs aus? Vor knapp zwei Wochen habe es laut Bahn eine Rangelei im Warteraum gegeben. Der örtliche Fahrdienstleiter habe umgehend die Polizei gerufen, teilt Bahnsprecher Werner Graf mit. Außerdem berichtet er von einem Vandalismusschaden am Gebäude. In die Räume des Kiosks wurde im Juni und September eingebrochen.Die Einbrecher stiegen jeweils von der Bahnsteigseite ein und stahlen jeweils Waren im Wert von mehreren tausend Euro. „Sogar meine Diensthemden hat der Einbrecher mitgenommen“, sagt ein Verkäufer. Eingebrochen wurde jeweils am Wochenende. Einmal sei im Alfons X nebenan zeitgleich sogar eine Party gefeiert worden. Seit den Einbrüchen werden im Kiosk keine Zigaretten mehr verkauft, weil eine Einigung mit der Versicherung noch aussteht. Die Öffnungszeiten wurden ebenfalls reduziert.Werktags ist ab 17.30 Uhr geschlossen, weil die Fahrkartenverkaufsstelle der Bahn zu dieser Zeit ebenfalls zumacht. Der Kioskbetreiber möchte nicht, dass Mitarbeiter alleine Dienst tun. Um Ladendiebstähle einzudämmen, wird der gesamte Verkaufsraum mit Kameras überwacht.
  • Welcher Personengruppe sind die Menschen zuzuordnen, die rund um den Bahnhof gegen Recht und Ordnung verstoßen? Laut Bewertung der Polizei ist der Anstieg der Straftaten im Stadtgebiet in einem erheblichen Maße auf Asylbewerber der LEA zurückzuführen. Bei Flüchtlingen, die keine Bleibeperspektive hätten, sei eine erhöhte kriminelle Energie festzustellen, sagt der Sigmaringer Polizeichef Alexander Canadi.Der Streetworker der LEA, Frank Vees, ist in diesem Punkt anderer Auffassung als die Polizei: „Meiner Meinung nach ist das kein vorrangiges Problem von Flüchtlingen.“
  • Was gibt es für Möglichkeiten, um die Sicherheit zu erhöhen? Der Sigmaringer Polizeichef Alexander Canadi tut sich schwer mit einer generellen Aussage zur Ausweitung der Präsenz. Die Polizei werde flexibel auf die Sicherheitslage reagieren. Die Bahn kündigt dagegen häufigere Kontrollgänge an. Der bahneigene Sicherheitsdienst werde seine Präsenz verstärken. Die Einschätzung manches Pendlers, dass man sich vom Bahnhof fernhalten sollte, teilt die Polizei indes nicht.
  • Sind den Bahnkunden diese Maßnahmen genug? Pendler fordern mehr Präsenz von Streifenbeamten und ein „rigoroses Zugreifen“, wie es die 44-jährige Pendlerin formuliert. Auf der Wunschliste von Pendlern stehen die Ausweisung von Frauenparkplätzen direkt vor dem Alfons X und eine vernünftige Beleuchtung auf dem P+R-Parkplatz auf der anderen Seite der Bahngleise.
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