Bündnis gegen den „sozialen Klimawandel“

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 Dekan Christoph Neubrand, Pfarrer Matthias Ströhle, Stefanie Gäble, und Pfarrerin Dorothee Sauer (von links) wollen an einem St
Dekan Christoph Neubrand, Pfarrer Matthias Ströhle, Stefanie Gäble, und Pfarrerin Dorothee Sauer (von links) wollen an einem Strang ziehen. (Foto: Anna-Lena Janisch)

In einer Gesellschaft, in der das Wort „Gutmensch“ für Helfer zur Beleidigung verkommen ist und sich Kirchen rechtfertigen müssen, für welche humanitären Projekte sie Geld sammeln, sehen sich Vertreter der Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände in Sigmaringen und Region in der Pflicht, ein Zeichen für Toleranz, Vielfalt und freiheitlich-demokratische Werte zu setzen. Das institutionsübergreifende Bündnis „Vielfalt gemeinsam leben“ wurde jüngst von der evangelischen und katholischen Kirche sowie Diakonie, Caritas und dem DRK Sigmaringen gegründet und ist offen für weitere Kooperationspartner.

Bei gemeinsamen öffentlichen Auftritten, Workshops und Aktionen sollen Ängste, Verunsicherungen und Aggressionen in der Bevölkerung thematisiert und abgebaut sowie ein Dialog angeregt werden, der zu mehr Offenheit in Bezug auf Andersartigkeit in allen Lebensbereichen führt.

Für Menschlichkeit in der Gesellschaft eintreten

Die Bündnismitglieder, Dekan Christoph Neubrand (Dekanat Sigmaringen-Meßkirch), Matthias Ströhle (evangelische Kirchengemeinde Sigmaringen), Diana Schrade-Geckeler (Diakonie Bezirksstelle Balingen), Stefanie Gäble (DRK Kreisverband Sigmaringen) und Stefanie Thiel (Caritasverband für das Dekanat) wollen sowohl als Person als auch für die Organisationen, die sie vertreten, für Menschlichkeit in der Gesellschaft einstehen. „Wir sind kein Bündnis gegen etwas, wir sind ein Bündnis für etwas“, fasst es Stefanie Gäble zusammen. Man wolle das „Selbstverständliche“ zeigen. Auch weitere Kooperationspartner, wie Stadt, das Regierungspräsidium als Träger der LEA oder der Landkreis, hätten sich schon gefunden. Das Bündnis sei offen für weitere Mitglieder, etwa Vereine oder andere Institutionen. „Zusammen hat man das Gefühl, man sei nicht allein“, sagt Ströhle in Bezug auf das mühsame Unterfangen, sich gegen fremdenfeinliche, menschenverachtende oder radikale Äußerungen zur Wehr zu setzen.

Veranstaltungsreihe zum Thema „Blick über den Tellerrand“

Im Sommer soll es wieder ein politisches Nachtgebet geben, diesmal vom Bündnis veranstaltet. Außerdem sind Ausstellungen und eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Blick über den Tellerrand“ geplant. In Kooperation mit den DGB ist der Besuch eines Demokratiemobils angesetzt, das im Hinblick auf Kommunal- und Europawahl parteiunabhängig zum Gang zur Urne auffordern soll.

Ausschlaggebend sei die Beobachtung aller Bündnismitglieder gewesen, dass das soziale Klima kälter, der Ton in Gesprächen rauer und die Toleranz und der Respekt gegenüber Mitmenschen weniger werde – nicht allein in Bezug auf Flüchtlingsfragen, sondern auch auf andere Bereiche wie Armut, Behinderung, soziale Ausgrenzung oder die generelle Einschränkung demokratischer Strukturen. Dies in Kombination mit politischen, wirtschaftlichen und medialen Entwicklungen führt bei den Verantwortlichen zu Sorge, und dem Wunsch, gemeinsam, also gebündelt als Institutionen mit christlichem oder karitativem Hintergrund, beispielhaft voranzugehen und „Vielfalt“ vorzuleben. „Das Ziel ist eine friedliche Gesellschaft, in der man für andere ein offenes Ohr und Auge hat“, sagt Pfarrer Matthias Ströhle bei einem Pressegespräch zusammen mit Christoph Neubrand, Stefanie Gäble und Dorothee Sauer, wohl wissend, dass dies auch ein idealistischer Anspruch ist.

„Wir befinden uns in einer Umbruchzeit. Dass einem da Veränderungen Angst machen und Unsicherheit schüren, ist normal“, sagt Doro-thee Sauer. Die Bündnispartner wollen Bürger dort abholen, wo sie bereit für Dialog sind und Vorurteile abbauen – und Selbstreflektion anstoßen.

Die Idee, die aus der gremienübergreifenden Arbeit und dem Wunsch heraus, nicht einfach nur abzuwarten und tatenlos zuzusehen, entstand, reifte auch durch das Fest der Kulturen, bei dem Pfarrer Matthias Ströhle sein Entsetzen in Bezug auf den in vielen sozialen Medien geäußerten Fremdenhass kundtat. Auch jetzt würden als Reaktion auf die Bündnisgründung anonyme Hassmails eintreffen, berichtet Christoph Neubrand. Beim nächsten Fest der Kulturen will das Bündnis also gemeinsam auftreten – und wachrütteln.

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