Autor setzt Beethoven ein literarisches Denkmal

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 Karl-Heinz Ott präsentiert sein Beethovenbuch „Rausch und Stille“ mit Hörbeispielen am Flügel.
Karl-Heinz Ott präsentiert sein Beethovenbuch „Rausch und Stille“ mit Hörbeispielen am Flügel. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Karl-Heinz Ott hat in der Aula der Alten Schule sein Buch „Rausch und Stille, Beethovens Sinfonien“ am Flügel und Rednerpult präsentiert. Die Zuhörer erlebten ein höchst unterhaltsames Lehrstück über Ludwig van Beethoven, seine Sinfonien, seine Zeit und seine Kritiker wie Bewunderer. Es war die letzte Veranstaltung von „Sigmaringen liest“, zu der die Buchhandlung Rabe und die Stadtbibliothek eingeladen hatten.

Joachim Greisle von der Buchhandlung Rabe und gleichzeitig Hauptorganisator von „Sigmaringen liest“ verglich zu Beginn zwei Zahlen: „Am 29. März 1827 wurde Beethoven in Wien beerdigt, 20 000 Menschen folgten seinem Sarg, heute haben wir hier ein paar Besucher weniger.“ Eine gelungene Veranstaltungsreihe setzte dank der Lesung des Schriftstellers und Beethoven-Liebhabers Karl-Heinz Ott einen passenden Schluss-Satz, der Musik und Literatur verband. Und wie ein Liebender präsentierte er temperamentvoll dem Publikum seine Etüden zu Beethoven und seine Fragen an den Ausnahmekünstler.

Im kommenden Jahr: Beethovens 250. Geburtstag

Im nächsten Jahr wird Beethovens 250. Geburtstag gefeiert und Bücher gäbe es bereits zahlreiche, so Ott: „Warum also ein weiteres Buch über Beethovens Sinfonien? Weil ich die Hoffnung habe, dass meine Sprache ein bisschen dazu beiträgt, der Kraft, dem Chaos und der Wildheit näher zu kommen.“ Dass sein Buch etwas ganz eigenes ist, machte er schnell deutlich. Immer wieder ging Ott, der schon früh Beethoven für sich entdeckt hatte und „eigentlich Pianist werden wollte“, zum Klavier, stimmte bekannte Akkorde an, verglich sie mit denen, die andere Kollegen seiner Zeit oder das Publikum als schön oder beachtenswert empfunden haben. „Warum?“, so fragte sich Ott durch die Kulturgeschichte, „warum hat er es so gemacht und nicht anders?“ Er fand dabei spannende und äußerst kluge Antworten, die tatsächlich darlegen, dass er als Schriftsteller eigene Wege gefunden hat, die Größe Beethovens in den Raum und in die Zeit zu stellen. Eine seiner Antworten las er dann nach zwei Stunden freiem Vortrag aus seinem Buch im Kapitel zum vierten Satz der neunten Sinfonie: „Als wollte Beethoven seine früheren Kritiker, die schon bei den ersten Sinfonien den Bläsereinsatz zu massiv gefunden haben, endgültig vor den Kopf stoßen, lässt er das Finale in vollem Karacho beginnen: Dröhnende Pauken, vier Hörner, drei Posaunen, zwei Trompeten und bis zu dreifach besetzte Klarinetten, Oboen, Fagotte und Flöten setzen mit der sogenannten Schreckensfanfare ein.“

Beethoven komponierte nur Instrumentalmusik

Die Zuhörer erfuhren, welchen Stellenwert die öffentlich gespielte Musik vor und nach Beethoven hatte und welchen Affront er provozieren musste. Anschaulich nahm Ott sein Publikum mit, gab Beispiele dafür, welche Bedeutung die Melodie und der Gesang hatten und wie Beethoven Erwartungshaltungen sowie Hörgewohnheiten bewusst aufbrach. Erst in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts kamen großen Orchester auf: „Bis dahin war es vollkommen üblich, Musik als Hintergrund zu hören. Sie rieselte und plätscherte, man hat geredet und gegessen.“ Und dann sei Beethoven der erste Komponist gewesen, der es wagte, nur Instrumentalmusik zu komponieren. Ott demonstrierte, was „Rausch“ und was „Stille“ in der Musik bedeutet. Bildhaft und kenntnisreich flocht er die Anfeindung und die Polemik, denen Beethovens Sinfonien ausgesetzt waren, ein. Schillers Gedicht „An die Freude“ wurde mit dem vierten Satz der neunten Sinfonie weltberühmt, und Ott schloss seine Lesung mit dem Satz: „Beethovens Musik lässt Schillers Verse unendlich hinter sich.“

Der im besten Sinne „interessanten“ Veranstaltung hätte man mehr Besucher gewünscht. Wer sie verpasst hat und Beethoven trotzdem literarisch auf die Spur kommen möchte, hat zum Glück die Möglichkeit, das neu erschienene Buch von Karl-Heinz Ott zu lesen.

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