Über den Krieg und Träume von Frieden

Lesedauer: 5 Min
Auf Briefe von der Front sind die Frauen neidisch, denn Lebenszeichen ihrer Männer sind rar.
Auf Briefe von der Front sind die Frauen neidisch, denn Lebenszeichen ihrer Männer sind rar. (Foto: Elisabeth Weiger)
Schwäbische Zeitung
Elisabeth Weiger

Else Lasker-Schüler hätte sich gefreut, die Anfangszeilen ihres Gedichtes „Weltende“ als Titelgeber für das aktuelle Stück der Theatergruppe „Rolle Vorwärts“ wiederzufinden. Die Gemeinsame Veranstaltung aller Kirchen der Stadt Sigmaringen fand am Donnerstagabend im evangelsichen Gemeindehaus statt.

Geweint wurde nicht oft in diesem neunzigminütigen Theaterstück, das sich in einer Art Momentaufnahme der Lebenssituation acht schwäbischer Landfrauen am Ende des Zweiten Weltkrieges annimmt.

Die Frauen, Theres, Klara, Emma, Magda und Rosa, sie lamentieren, schimpfen und hadern mit ihrem Schicksal, mit Kindern, Hof, ohne Mann und nur Arbeit dazustehen.

Ihre Männer sind sie mehr oder weniger freiwillig in den Krieg gezogen, haben sich der Pflicht gestellt, vielleicht einen Zettel mit den Worten: „Bin im Krieg, guck nach den Kindern“ auf dem Nachttisch hinterlassen oder sind einfach ohne Abschied aus dem Haus gegangen. „Gott sei Dank sind wir Frauen“, betonen sie immer wieder. Während die Männer, ihre Männer, Krieg machen, haben sie auch noch so friedliebende Namen wie Friedbert, Traugott, Engelbert oder Gottlieb. Die Frauen parodieren ihre Soldatenmänner, stampfen mit umgekehrten Emaille-Eimern auf den Köpfen in Marschformation über die Bühne, um anschließend abrupt „Wenn ich ein Vöglein wär’“ zu singen. Sie spekulieren über ein Leben ohne Krieg, ein Leben, das sich jetzt, 1945, nicht wie Frieden anfühlt. Die Frauen haben sich eingerichtet in ihrem männerlosen Dasein, liefern sich einen Schlagabtausch darüber, ob das Leben mit oder ohne Mann besser ist – und blicken doch der Rosa sehnsuchtsvoll über die Schulter, die einen Brief ihres Mannes vorliest, der als Kriegsgefangener auf einem französischen Bauernhof, einem schönen Land übrigens, wie Friedbert seiner Frau vorschwärmt, arbeitet.

Warten auf bessere Zeiten

Die Frauen warten darauf, dass ihre Männer und Söhne zurückkommen, für die Kinder, sodass bessere Zeiten anbrechen und das Warten ein Ende hat. Mit Wünschen, Warten und Hoffen auf so schöne Dingen wie Bohnenkaffee oder Ananas, Nächte ohne Angst vor Fliegeralarm und Albträumen sowie Musik und Tanz verbringen sie ihre schlaflosen Nächte. Einig sind sie sich in ihrer Ablehnung gegenüber Flüchtlingen, die aus den zerbombten Städten aufs Land drängen, einig sind sie sich in ihrem Misstrauen gegenüber einer aus ihrer Mitte, die stundenlang im einem Schopf verschwindet und dort wer weiß was alles hortet. In den seltenen Momenten, in denen sie beim Kartoffellesen ihre Arbeit unterbrechen und davon erzählen, als die Männer noch Ehemänner und keine Soldaten waren, blitzen die Augen vor Schalk und plappern die harten Münder prustend los. „Mein Mann wollte nur nach der Frühmesse“ – „und meiner nach dem Baden am Samstagabend“. Das sind Augenblicke, in denen auch das Publikum lacht, das in diesem Stück, von den Laienschauspielerinnen so professionell und authentisch gespielt, harte Kost vorgesetzt bekommt. Zum Schluss bedankte sich Carola Dangel im vollbesetzten Gemeindehaus bei der Theatergruppe „Rolle vorwärts“ und ihrer Regisseurin Lilo Braun.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen