Kunst zum Anfassen und Zusammenklappen

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Die Künstlerin Editha Pröbstle ist in Scheer aufgewachsen und lebt heute in Koblenz.
Die Künstlerin Editha Pröbstle ist in Scheer aufgewachsen und lebt heute in Koblenz. (Foto: Fotos: privat)

Sie hat in Ägypten, Japan und Finnland ausgestellt, steht im Guinessbuch der Rekorde und das Patentamt musste für sie eine neue Sparte eröffnen. Ihre einzigartigen Klappraden und Kuullus werden von Kunstfreunden und Sammlern geschätzt. Editha Pröbstle ist immer ihren eigenen Weg gegangen und bekommt heute so viele Aufträge und Ausstellungsanfragen, dass sie nicht alle annehmen kann. Im Juli wird die in Scheer aufgewachsene Künstlerin 70 Jahre alt. Ihr Wohnort Koblenz plant zu diesem runden Geburtstag eine große Ausstellung. „Das Interesse der Verwaltung meiner Heimatstadt ist in den vergangenen Jahrzehnten eher verhalten gewesen“, sagt Editha Pröbstle bedauernd.

Dabei sind auf dem Hof ihrer Eltern in der Stadtmitte von Scheer ihre ersten Holzschnitte entstanden. Eine Technik, die Editha Pröbstle immer wieder verfeinert und abgewandelt hat, der sie aber auch immer treu geblieben ist. „Mein Vater hat mir die Liebe zum Holz mitgegeben“, sagt sie. „Auf dem Hof gab es genug davon und so habe ich dort meine ersten Arbeiten angefertigt.“ Da war sie noch keine 20 Jahre alt und studierte Grundschullehramt an der pädagogischen Hochschule in Reutlingen. „Gewohnt habe ich aber noch zuhause und da konnte es sein, dass mir meine Mutter einfach das Licht ausschaltete, wenn ich um 22 Uhr noch mit meinen Holzschnitten beschäftigt war“, erinnert sie sich.

Dass ihre Eltern sie aufs Wirtschaftsgymnasium nach Albstadt schickten und sie anschließend studieren ließen, obwohl sie der Ansicht waren, dass ihre Tochter sowieso heiraten und sich dann um die Familie kümmern würde, rechnet Editha Pröbstle ihnen hoch an. „Ich hatte immer gute Noten und bin dann immer um 5.10 Uhr mit dem Zug vom Bahnhof in Scheer zur Schule gefahren“, sagt sie. Ihre künstlerische Begabung habe sich schon in Zeichnungen und Malereien der Kindheit gezeigt – „das Talent habe ich von meiner Mutter“ –, sei dann aber im Alltag auf dem Bauernhof untergegangen. „Erst im Studium habe ich mich intensiver mit Kunst beschäftigt.“

Lehramt als Sicherheit

Nach zwei Jahren als Grundschullehrerin in Laiz wollte sie es genauer wissen und bestand die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie in Stuttgart. „Ich hatte gemerkt, dass da noch mehr in mir steckt und wollte das Handwerk richtig lernen“, sagt sie. Bronzeguss und Grafiken interessierten sie dabei besonders. Gleichzeitig schrieb sie sich an der Uni für Kunstgeschichte und Germanistik ein. „Das Lehramt war meine Sicherheit, es konnte ja niemand wissen, wie weit ich mit der Kunst kommen würde. Am wenigsten ich selbst.“ Weil sie unmöglich eine finanzielle Unterstützung von ihrer Familie in Scheer erwarten konnte, nahm Editha Pröbstle im Laufe der nächsten Jahre diverse Jobs an. Schwangerschaftsvertretungen in Grundschulen, Schreibarbeiten für einen Professor, später nach ihrem Wechsel an die Kunstakademie Düsseldorf Unterricht an einer Abendrealschule und später in der Lehrerausbildung der Hochschule. „Ich hatte immer zwei oder drei Taschen dabei“, sagt sie. „Eine für die Schule, eine für die Akademie und eine zum Einkaufen.“

Die Beteiligung an Sammelausstellungen und erste kleine eigene Ausstellungen zeigten ihr, dass ihre Arbeiten beim Publikum gut ankamen. „Anfangs musste ich mich selbst immer wieder anbieten und gut verkaufen“, sagt sie. „Irgendwann hat sich die Situation dann umgedreht und die Leute sind auf mich zugekommen.“ Ihre Spezialisierung auf Farbholzschnitte hätten ihr schnell einen eigenen Sammler- und Fankreis erschlossen. „Das machen nicht so viele, weil es ein körperlich sehr anstrengender Arbeitsprozess ist.“

Aufgabe für Patentamt

In Düsseldorf lernte sie ihren Mann kennen, sie bekamen einen Sohn, zogen dann nach Hannover und später nach Koblenz um, wo sie noch heute wohnen. „Wo meine Kunst letzten Endes entsteht, ist egal“, sagt Pröbstle. „Aber eine gute Kunstszene vor Ort kann natürlich nicht schaden, wenn man Kontakte knüpfen und Ausstellungen machen möchte.“ Während eines Stipendiums am Künstlerbahnhof in Bad Münster/Stein entsteht 1987 dann Pröbstles erste Klapprade. Eine Skulptur aus Holzteilen, die mit Holzschnittoptik versehen wurden, und die sich zusammengesteckt auf eine Länge von bis zu 24 Metern ausklappen lassen. Je nach Blickwinkel eröffnet die Skulptur neue Ansichten, Perspektiven und Denkanstöße.

Thematisch ist die Künstlerin vielen Bereichen aufgeschlossen. Frauenbilder in der Gesellschaft oder der Bibel, schwäbische Sprichwörter, Verkehr oder Natur- und Tierschutz sind Themen, zu denen sie gearbeitet hat. „Klappraden – soetwas hatte aber noch keiner vor mir gemacht“, sagt Pröbstle. Ein Bekannter regte an, sich den Namen und die Bauweise patentieren zu lassen. „Lässt sich Kunst patentieren? Dieser Frage musste das Patentamt nachgehen“, sagt sie. Am Ende sei ein Geschmacks- und Gebrauchsmusterschutz dabei herumgekommen. Den habe sie später auch für die Kuullus beantragt, eine Weiterentwicklung der Klappraden in Richtung Vollplastik. Kuullus bestehen aus Styropor, Gips und Glasfaser, die mit Epoxidharz zusammengehalten und mit Teilen von Farbholzschnitten und Papieren überzogen und versiegelt werden. „Den Namen haben sie bekommen, weil eine Freundin die Skulpturen als ,coole Teile’ bezeichnet hat“, so Pröbstle. Auch sie lassen sich ineinander verdrehen und von allen Seiten neu betrachten. Neuerdings arbeitet die Künstlerin auch mit beleuchteten Kuullus, die gerade für Gärten und Außenanlagen sehr gefragt sind.

„Ich mag Kunst zum Anfassen und mitmachen“, sagt Pröbstle. Deshalb komme es vor, dass sie bei einer Ausstellungseröffnung den Besuchern schon mal die Einzelteile einer Klapprade in die Hand gebe und sie auffordere, sie selbst zusammenzustecken. „Das geht natürlich nicht immer, macht mir aber sehr viel Spaß.“

Ihre Werke sind auf der ganzen Welt verstreut. „Wo, das kann ich bei insgesamt rund 1600 Arbeiten, nicht mehr nachvollziehen“, sagt sie. Hin und wieder höre sie aber, dass Arbeiten bei Auktionen oder durch Galerien den Besitzer gewechselt haben. „Dann bekomme ich auch den Preis mit.“ Der Name Pröbstle werde gerade gut gehandelt. „Auch als Geldanlage“, sagt die Künstlerin. „Aber eigentlich weiß ich meine Arbeiten lieber in Händen, die die Kunst und meine Ideen dahinter zu schätzen wissen.“

Die Möglichkeit für Interessierte aus dem Kreis Sigmaringen, eine Auswahl von Pröbstles Werken zu sehen, wird es im Herbst in Sigmaringen geben. Dann werden Teile der Ausstellung „Weltenbummler“ in der Alten Schule in Sigmaringen zu sehen sein. „Gar nicht so einfach, zu entscheiden, welche Arbeiten ich mitbringen möchte“, sagt sie. „Die sechs Meter hohe Giraffe findet leider keinen Platz, aber vielleicht kann ich den beleuchteten Elefanten mitbringen.“

Den Kontakt zu Scheer hält Editha Pröbstle über ihre Familie, die sie mindestens einmal im Jahr besuchen kommt. Gern nimmt sie sich dann eine Auszeit vom Kunstgeschäft. Gerade hat sie zwei Wochen in Bad Saulgau verbracht, täglich die Therme besucht und Ausflüge in die Region gemacht. „Mir schwebt ja immer noch ein Oberschwabenzyklus vor“, verrät sie. „Hier hole ich mir dann die Anregungen in der wunderschönen Landschaft.“ In Scheer selbst sucht man Werke von Editha Pröbstle im öffentlichen Raum vergeblich. Dafür tragen aber die Glocken in der Kirche St. Nikolaus ihre Handschrift. „Das war für mich wirklich eine besondere Ehre, dass ich die Glocken gestalten durfte“, sagt sie. „Die werden vielleicht noch hunderte Jahre nach mir erklingen.“

Ins Guinessbuch der Rekorde ist Editha Pröbstle übrigens 1995 mit der „Handwerkskiste“ gekommen, die mit 101 Blättern der größte zusammenhängende Kunstzyklus ist.

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