„Geht es dir zu gut, wirst du immer fauler“

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Herbert Steffny hat bei seinem Besuch in Scheer auch sein „Großes Laufbuch“ mit im Gepäck, von dem es inzwischen auch eine chin
Herbert Steffny hat bei seinem Besuch in Scheer auch sein „Großes Laufbuch“ mit im Gepäck, von dem es inzwischen auch eine chinesische Übersetzung gibt. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)

Der Besucherandrang am Samstagabend hat es bestätigt: Es war eine gute Idee der Verantwortlichen des TSV Scheer, im Rahmen der zweiten Laufmesse den preisgekrönten Langstreckenläufer Herbert Steffny in die Stadthalle einzuladen. Der Lebenskünstler, wie er sich selber gerne nennt, hat dabei „Kenias’ Wunderläufer“ unter die Lupe genommen.

Lebenskünstler nennt sich der Diplom-Biologe vor allem deshalb, weil er sein Hobby konsequent zum Beruf gemacht hat. Nach seinem Studium wollte er „so schnell wie möglich“ Professor werden. Wäre da nicht das Laufen dazwischen gekommen. Eine Höchstleistung jagte bald die andere, die Medaillen häuften sich. Im Alter von 50 Jahren wurde er Deutscher Seniorenmeister im Cross- und Marathonlauf. Seit Beendigung seiner Sportlerkarierre betätigt sich der 62-Jährige erfolgreich als Lauftrainer und Buchautor und ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das Lauf- und Fitnessseminare organisiert.

Letztere führen unter anderem ins kenianische Hochland zu den Kalenjin. Das wundert nicht: Die meisten erfolgreichen Läufer des Landes kommen aus dieser Region. Steffny hat sich damit intensiv auseinandergesetzt. Warum sind die so gut? Nach und nach kam er den Geheimnissen auf die Spur. Spektakulär sind sie wider Erwarten jedoch nicht. „In Kenia wollen alle Kinder Läufer werden“, sagte der Referent, der eine Fülle an Bildmaterial mitbrachte.

Finanzielle Anreize

Nach den Gründen braucht man nicht lange zu suchen: Alternativen, um viel Geld zu verdienen, gibt es im Grunde keine. Ein Kenianer verdient etwa 500 Euro pro Jahr, ein Topläufer bis zu zwei Millionen Euro. In gewisser Weise ist das auch eine Form von Entwicklungshilfe. Die Sportler investieren das Geld in ihr Heimatland, in Teeplantagen oder Hotels.

„Die Kenianer laufen grundsätzlich gerne“, fuhr Steffny fort und zeigte Fotos, auf denen sich Kinder am Wegesrand den Trainingsgruppen anschließen, mit Gummistiefeln, Flipflops oder einfach nur barfuß. Und dabei strahlen. „Ich hab selten so viele lachende Kinder gesehen wie in Kenia“, so der Referent. Der „richtige Laufstil“ scheint auf dem Weg nach oben weniger ausschlaggebend zu sein, eher der „gesunde Menschenverstand“.

Niedrige Jammerschwelle

Wie steht es um Zusammenhänge mit der Ernährung? „Die essen ganz viel Hülsenfrüchte“, sagte Steffny. Dass die eine extra Portion Proteine enthalten, liegt womöglich an den Käferlarven, die sich all zu gerne in den Bohnen einnisten. Das Hauptfortbewegungsmittel sind die Beine, und das von Anfang an. Auch die „schlanken langen Beine und der eher leichte Körperbau“ seien mit ein Grund für deren Lauftalent.

„Geht es dir zu gut, wirst du immer fauler“, mit diesem Satz zielte der Referent auch auf die Lebensverhältnisse in Deutschland. Es kritisierte eine grundsätzlich „niedrige Jammerschwelle“ und erinnerte dabei an die Nachkriegsgeneration, die „30 Kilometer durch Chaos und Schnee laufen musste“. Glück stelle sich ein, wenn der „innere Schweinehund überwunden wird“. Die Fragen der Zuschauer bezogen sich unter anderem auf Dopingvorwürfe gegenüber den kenianischen Läufern. „Schwarze Schafe gibt es überall, aber ich denke, ein Großteil der Läufer ist clean“, antwortete Steffny und thematisierte in dem Zusammenhang auch den Fußballsport. „Da halten alle die Klappe“.

Auf die Frage, wie er es heute mit dem Laufen hält, bezeichnete er sich als „Spaß- und Genussläufer“. „Ich lauf gerade so viel, dass ich nicht fett werde“. Aber Herausforderungen liebt er noch heute. Etwa beim Rennradfahren. „Radeln ist im Alter einfach besser als laufen“, ist Herbert Steffny überzeugt.

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