Experimentelle Musik zieht Zuhörer in den Bann

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 Georgische Musiker begeistern die Zuhörer im Tonstudio Faust in Scheer mit experimenteller Musik.
Georgische Musiker begeistern die Zuhörer im Tonstudio Faust in Scheer mit experimenteller Musik. (Foto: Vera Romeu)
Vera Romeu

Im Studio Faust in Scheer hat das georgische Trio mit Russudan Meipariani (Klavier), Natalie Meipariani (Violine) und Giga Khelaia (Cello) das Publikum mit experimenteller Musik begeistert. Studioleiter Joachim Ermler stellte das Trio als „exquisites und merkwürdiges Ensemble“ vor. Und hatte recht: die anmutige, versonnene und sehr melancholische Musik zog die Hörer in einen geheimnisvollen Bann. Die wichtigste Nachricht des Abends: Joachim Ermler kündigte an, nachdem er eine Liebeserklärung an die Stadt Scheer als Wohn- und Arbeitsort gemacht hatte, dass es 2021 wieder ein Klangbad geben werde. Das Publikum brach in Jubel aus.

Der Konzertabend war dreiteilig. Er begann mit dem Soloauftritt der Pianistin und Komponistin Russudan Meipariani, ging weiter mit einem Film von Monika Nuber, dessen Musik Meipariani gemacht hat. Im dritten Teil trat das Trio auf. Meipariani komponiert Gesang in Klavierstücke hinein. Es sind Erinnerungen an das Land Georgien, das sie in der Kindheit und Jugend geprägt hat. „Es gab billige Wohnungen in den 90er-Jahren, weil viel vom Krieg zerstört war“, sagte sie dem Publikum. Der Himmel, die Geräusche, die Häuser, alt und schief, die schmutzigen Straßen, hatten eine Eigenart, die sich tief in ihr eingegraben hat. Die Nächte vor allem, die eine Schicht wie ein poetisches Tuch auf die Stadt legte und das verbarg, was tagsüber gewesen war, hatten eine unvergleichliche Besonderheit. Im Komponieren holt es Meipariani wieder aus der Seele hervor. Mit der Musik wird dies für das Publikum erahnbar, erfühlbar, erfahrbar.

Leiser Tonfall

Am präparierten Klavier saß Meipariani und sang. Das Klavier begleitete sie, manchmal erzählte es seine eigene Geschichte. Die dunklen dumpfen Tasten pochten wie Schritte durch die Nacht. Hell leuchteten Klänge wie Lichter in Clubs, in Wohnungen. Es war ein sehr melancholischer Spaziergang durch die untergegangene Zeit. Introvertiert, versonnen sang Meipariani eine Art Einsamkeit, das nach getrockneten Blumen und vergilbten Briefen roch. Heimat sei ein unvergleichbarer Ort und ein Ort unerfüllter Träume, sagte die Pianistin. Die fremde Sprache, der leise Tonfall, das sanfte Klavier strahlten eine magische Stimmung in den Raum.

Der Film „Mandragora“ erzählt von der magischen Pflanze „Alraune“, dessen Wurzeln wie ein Mensch aussehen, führte die Komponistin Meipariani ein. Ihr Schrei könne für jeden, der ihn hört, tödlich sein. Die Alraune ist eine Pflanze aus Harry Potters Welt. Die Filmemacherin Monika Nuber hat die Komponistin gebeten, die Musik für diesen Film zu schreiben. Wie in einem Trickfilm lief die bizarre Legende, die sich um die Pflanze rankt über die Leinwand. Bilder wie Holzschnitte, wie Tuschezeichnungen, mal herb, mal lieblich zogen wie ein Fluss vorbei. Meiparianis Musik passte sehr schön in diese Melancholie des Zaubers.

Das dramatische Spiel des Trios mit dem Titel „Hinter den Grenzen“ lotete die Sehnsucht nach dem Ausland aus. Das Wort Ausland werde auf Georgisch als „Außerhalb der Grenze“ gedacht. „Was war unsere Sehnsucht damals nach diesem Außerhalb der Grenzen? Wie geht es uns jetzt, da die Grenzen überwunden sind“, überlegte die Komponistin. Das Trio sang und spielte bewegte Stücke. Das Singen der Pianistin und Geigerin hatte diese obsessive Atmosphäre, die über dem gesamten Konzert lag. Es klang wie ein Ostinato der Erinnerung, der Gefühle und des Heimwehs. Jubelnder Applaus war der Dank für das sensible und virtuose Spiel.

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