„Du musst den Gigantismus bedienen“

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 Editha Pröbstle in ihrem Atelier zwischen zwei Figuren aus der Serie „Hofgesellschaft“, im Vordergrund eine Glasfaserfigur, die
Editha Pröbstle in ihrem Atelier zwischen zwei Figuren aus der Serie „Hofgesellschaft“, im Vordergrund eine Glasfaserfigur, die später „angezogen“ und beleuchtet Teil eines Ensembles wird. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Bei einem Besuch in Koblenz hat die Künstlerin EDITHA – als Künstlername setzt sie ihren Vornamen in Großbuchstaben – Pröbstle aus Scheer ihr Atelier geöffnet. Hier hat Großes Platz. Auch auf der Terrasse und im Garten bevölkern bunte Kreaturen den Raum, der zwar nicht öffentlich ist, zu dem jedoch immer wieder Gäste eingeladen werden.

In ihrem großzügigen Atelier in Koblenz denkt Editha Pröbstle oft an Scheer: „Ein Teil von mir ist dort.“ Bis vor wenigen Jahren hatte sie in der kleinen Stadt an der Donau ihren ersten Wohnsitz und kommt immer wieder gerne zurück: „Das ist nicht nur der Name, sondern sind wunderbare Kinderjahre, das Landleben mit dem Kartoffellesen, der Heuernte, überhaupt verbinde ich mit Scheer Heimat.“ Ihre erste Begegnung mit der Kunst fand daheim statt. Im Stall faszinierte sie als Kind ein Kuhauge: „Aber das Großartige der Natur nachempfinden, das geht gar nicht.“ Trotzdem ließ sie das Thema nicht mehr los. Von der Mutter hatte sie das Talent zum Malen, vom Vater die Liebe zum Material Holz. Eine Karriere als Künstlerin war dennoch zunächst nicht angedacht.

Finanziell sicherte sie sich mit einem Pädagogikstudium ab und wechselte schon früh vom Beruf in die Kunstakademie nach Stuttgart. In den bunten Holzschnitten fand sie zunächst künstlerisch das zu ihr Passende: „Die gehören zu mir, mit starken Farben, ich musste stark sein in meinem Leben.“

Zu Scheer und Oberschwaben lassen sich immer wieder Bezüge in ihrem Werk ausmachen: Im Jahr 1828 lebte Eduard Mörike an diesem Ort. Anlass für sie zur Textauswahl „Auf Mörikes Spuren: und wärs auch nur in Scheer“ zwölf Farbholzschnitte zu fertigten, die dann im Schloss in Scheer als Buch gebunden und gedruckt erstmals vorgestellt wurden. Die Literatur ließ sie bis heute nicht los. Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler, Annette von Droste-Hülshoff, Kleist oder Goethe, EDITHA heftete sich an die Fersen dieser Persönlichkeiten. Sie gab ihnen „Denkraum“ und mit ihren Skulpturen zusätzlich Raum, sich zu entfalten oder konkret auszuklappen. Mit ihrer Erfindung, den „Klappraden“ aus beklebtem Holz, hat sie den größten Erfolg, damit ist sie jetzt schon Teil der Kunstgeschichte geworden. Von der zweidimensionalen Arbeit zur dreidimensionalen und sogar noch zur vierdimensionalen – denn dem Kunstbetrachter ist es erlaubt, selbst Hand anzulegen und die Figuren mit Sinn und Bedacht – zu verändern. Auch mit den hohlen beleuchteten KUULlus, die ihr Atelier und ihre Terrasse bevölkern, steht sie im Rampenlicht des Kunstbetriebs. Gerade entsteht ein Figurenensemble für und mit Bezug zu einer Kindertagesstätte: „Das Schöne ist, dass ich mir inzwischen aussuchen kann, was ich mache.“

Sie verkaufe mehr von den großen Arbeiten als von den kleinen. Transporttechnisch gesehen sei dies nicht immer einfach: „Aber ohne große Arbeiten bist du in Bezug auf die Männerwelt nichts. Du musst den Gigantismus bedienen, sonst kannst du als Frau einpacken.“ Für eine fast lebensgroße Giraffe hat sie in ihrem Atelier zwei Stockwerke hoch Platz geschaffen.

Aus der Reihe „große Persönlichkeiten“, wie Freud oder Bach, die ebenfalls großformatig sind und in denen sie bildliche Verknüpfungen zum Lebenslauf ihrer Protagonisten herstellt, kann der Betrachter immer wieder in diesen Bild-Biographien Neues finden.

Das Leben als Herausforderung und als Weg von Scheer in die Welt – so hat es auch Editha Pröbstle erlebt. Immer wieder findet sie Zitate, die sie auf ihre Glasfaserfiguren klebt oder auf vielfältige Art einarbeitet. Ihre „Lautmalereien“ sollen das Gesicht, die Sprache und die Stimme miteinbeziehen. Wie ihr im letzten Sommer in Bad Saulgau entstandenes „Denk-Du-mal-Memory“ mit Alliterationen. Das Spiel mit Bildern und Wörtern ist für Pröbstle wesentlich: „Es ist schon für die Jüngsten ein Angebot, sich über die Ästhetik mit der Welt auseinanderzusetzen und es ist für mich ein wichtiger Antrieb, denn aus dem Spiel entwickelt sich Kreativität, im besten Fall Friede, Kommunikation und das Denken.“ Auch beim Schachspiel und beim Holzschnitt müsse man immer sieben Schritte im Voraus denken: „Was weg ist, ist weg.“ Das bewusste Formen und der Zufall, der dann wieder aufgegriffen wird, treffen in ihrem Kunstschaffen aufeinander. Spiel und Humor bedeuten für sie dabei Lebendigkeit. Zurzeit entsteht der Farbholzschnitt „heute heile heitere Heimat“ in einer Auflage von 19 Exemplaren. Da lediglich die Form gleich ist und der Farbauftrag variiert, ist jeder Handdruck ein Unikat. Dieses Blatt bietet sie für eine Spende an „Soroptimist International“, Club Koblenz, einem Serviceclub zum sozialen Wohl von Frauen, deren Präsidentin Pröbstle vor vier Jahren war, an.

Ihre Werke gehen in die ganze Welt. Von Florenz und Basel liegen gerade Anfragen vor. Die Stadt Koblenz besitzt ebenfalls Kunst von EDITHA. Sie könne sich gut vorstellen, auch in Scheer „Kunst im öffentlichen Raum“ für alle zugänglich zu machen. Ein Teil von ihr ist ja in Scheer, auch wenn sie und ihr Mann im obersten Stockwerk ihres Hauses auf Rhein und Mosel schauen.

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