Die Rußler machen die meisten Meter

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Ausgewählte Rußler sammeln am Montagmorgen im ganzen Stadtgebiet Eier, Speck und Spenden für die Zunft ein.
Ausgewählte Rußler sammeln am Montagmorgen im ganzen Stadtgebiet Eier, Speck und Spenden für die Zunft ein. (Foto: Jennifer Kuhlmann)

Als der Obergeselle ihnen am Rosenmontag in der Stadthalle die Masken von den Köpfen zieht, sind die vier Rußler schon seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Und das im wahrsten Wortsinn: Timo Irmler, Christoph Jasper, Christof Kraft und Maximilian Engenhart sind seit ihrem Start um Punkt 7 Uhr an der Zunftstube im Laufschritt durch die Stadt geeilt und haben dabei jeder rund acht Kilometer zurückgelegt.

Ihr Auftrag: Erst das Einsammeln von Eiern, Speck und Spenden für das Hochzeitsmahl, dann das Schwarzfärben der Mädchenwangen beim Bräuteln und das Begleiten des Brautpaars zur Stadthalle. Gejammert wird nicht. Denn: „Es ist für uns eine Ehre, am Rosenmontag Rußler zu sein“, sagen die vier. Schwitzen und Seitenstechen gehören dann genauso dazu wie das Trinken von Schnaps, so er denn von den Einwohnern angeboten wird.

„Sich konditionell auf die Tour am Montagmorgen vorzubereiten ist so gut wie unmöglich“, sagt Thomas Eisele, der stellvertretende Vorsitzende der Bräutelzunft. In der Regel würden die Auserwählten nämlich erst am Sonntag darüber informiert, dass sie am nächsten Tag Rußler sein dürfen. Das Pensum ist kein Zuckerschlecken: Zu viert sollen sie innerhalb von zwei Stunden alle Haushalte der Stadt zu Fuß abgeklappert und um Spenden für das Hochzeitsmahl in der Stadthalle gebeten haben. Die Gebiete sind aufgeteilt, jeweils ein Fahrer begleitet einen Rußler auf seiner Tour mit dem Auto, damit dieser gespendete Eierboxen nicht alle selbst tragen muss.

Kaum läutet die Narrenglocke, rennen die vier Rußler in unterschiedliche Richtungen los, ihre Schellen sind noch weit zu hören. „Jetzt gilt es, an jeder Haustür zu klingeln“, sagt Florian Allwelt, der Maximilian Engenhart auf seiner Tour begleitet. „Manche Leute stellen eine Packung Eier vor die Tür, andere bitten den Rußler auf einen Schnaps herein.“ Meistens gebe es eine Geldspende, die der Rußler in einen Beutel steckt, den er um den Hals trägt. Immer öfter, so die Erfahrung der Narren, blieben die Türen aber auch ganz verschlossen. „Es wäre natürlich schön, wenn wieder mehr Leute diesem Brauch gegenüber aufgeschlossen wären“, findet Allwelt. Zumal die Rußler ja auch jede Steige und alle Treppen im Laufschritt nehmen. Im Kofferraum hat Allwelt Wasser für seinen Kollegen dabei, zweimal bringt er die Sachspenden zur Stadthalle hinauf, wo die Eier gleich in einem großen Kochtopf landen.

Um 9.20 Uhr sitzen die vier Rußler außer Atem im Hinterzimmer der Bäckerei Baur. Noch einmal durchatmen, dann ziehen sie sich Gummihandschuhe unter die aus Stoff. Sie sollen verhindern, dass der fettige Ruß durchfärbt, mit dem sie die Wangen der Frauen färben werden.

Zeitgleich werden im Haus der Familie Pröbstle Christoph Bantle und Holger Eisele in Bräutigam und Braut verwandelt. Anna Pröbstle hilft beim Mieder und beim Schminken, ihr Vater Eugen unterhält mit Anekdoten aus vergangenen Jahren. „Welcher Rußler rennt denn nachher mit mir um die Wette?“, fragt Bantle. Wer bisher dachte, am Rosenmontag seien die Träger des Brautpaars besonders arm dran, sollte künftig mit mehr Respekt auf die Rußler blicken...

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