„Das Gegenteil“ bricht Sicherheiten auf

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„Die Hunde“ nutzen das Fauststudio in Scheer für experimentelle Musik.
„Die Hunde“ nutzen das Fauststudio in Scheer für experimentelle Musik. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Unter dem Titel „Das Gegenteil“ haben fünf kreative Köpfe gezeigt, was passiert, wenn eine Woche lang Töne und Texte in einen Topf beziehungsweise in ein Tonstudio geworfen werden. Fünf kreative Köpfe machten aus dem ersten von zwei Auftritten, die bewusst nur in diesen zwei Konzerten gegenwärtig sind, ein ganz neues Hör- und Sehgefühl.

Das Fauststudio und Hans Joachim Irmler sind immer für Überraschungen gut. Irmler, der die Zuhörer zu Beginn mit seinem expressiven Orgelspiel mitten ins Tonstudio holte, hat der Gruppe „Die Hunde“, das sind Jeremias mit Vater Christof Heppeler aus Fridingen sowie Boris Petrovsky aus Konstanz, und „Bayuk“, das sind Magnus Hesse sowie Jan Wagner eine Plattform und ein Musikstudio mit allen technischen Möglichkeiten geboten.

Über ein Klangbad-Festival lernten sie Irmler und sein Fauststudio kennen. Eine Woche lang konnten so unterschiedliche Inhalte zu einem Musikexperiment zusammenwachsen und in schönsten Auswüchsen aufblühen. Jeremias Heppeler kommt aus dem Bereich Bildende Kunst und arbeitet viel mit Texten. Das Projekt wollte unter dem Begriff „Das Gegenteil“ die Stilrichtungen und Ideen der Akteure, die auf den ersten Blick nicht harmonieren, zusammenbringen. Notfalls mit Gewalt, so scheint es, aber immer wieder werden Gegensätze und Widersprüche aufgelöst, gehen auch dank Bayuk, der für seine Indie-Pop-Kompositionen bekannt ist, und Jan Wagner in Melodien über, die die experimentellen Geräusche, die allerlei zwischen Meeresrauschen und Gewitter ausloten, und die dann doch wieder beruhigen oder einbinden. Die Texte von Jeremias sind teils verstörend, teils versöhnend: „Ich bin mir allein das Gegenteil.“ Das Individuum ist gesellschaftlich eingebunden, braucht jedoch die Freiheit, sich zu finden. Wenig verwunderlich ist dabei, dass ein Vogelkäfig und eine Reitpeitsche mitspielen dürfen.

Sägende Töne der Geige

Sicherheiten, so wird Jeremias Heppeler nach dem Konzert sagen, sollten ganz bewusst aufgebrochen werden. Störungen oder Zufallsaussagen aus dem Smartphone sind gewollt, auch in der Performance. So legt Jeremias, der aus der Geige mehr sägend als streichend Töne lockt, diese weg, dirigiert das Spiel von Christof, geht um die Gruppe ins Innere und liest seinen Text von einer Papiertüte ab. Dynamik und volle Konzentration auf musikalische Sequenzen werden verwoben und bringen ein ganz neues Hörerlebnis.

Es ist für die gut dreißig Zuhörer ein bisher Ungehörtes, das doch melancholisch oder ekstatisch-fröhlich, Erinnerungen weckt und Assoziationen knüpft.

Zum Aufheizen, so seine Worte, brachte der Schweizer „Underground-Hip-Hop-Sänger“ DAIF noch vor dem Hauptauftritt peppige Liebeslieder und seinen „Zweifel-song“ aus der eigenen Feder und auf Schweizerdeutsch mit: „Songs hebet ewig, aber Liebe hebt nöd.“ Er hüpfte Lebenslust und -frust mit seinen Liedern einfach weg. Bruno Gebhard sorgte für die ausgeklügelte Technik beim gelungenen Projekt „Das Gegenteil“ und trug dadurch im Hintergrund zum Gelingen bei.

Und auch Irmler habe seinen Anteil, so Jeremias: „Er hat nicht nur gekocht, sondern auch zugehört und auf die Musik eingewirkt, der Ort ist so intensiv, das Ganze ging nur hier.“ Und Irmler bestätigte: „Ihr habt so eine Wandlung zugelassen, es war großartig für euch und für mich sowieso.“ Und für die Gäste war es das auch.

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