Weihnachten feiern Schweikarts bescheiden

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Schwäbische Zeitung

Eine uralte Wohnstube. Mittelpunkt ist der Kachelofen, auf dessen hellen Kacheln Hirsche, Rehe und Wildschweine abgebildet sind. Jene Tiere also, die hier direkt am Waldrand zum täglichen Leben der Schweikarts gehören, ebenso wie die Eichhörnchen, Hasen und Füchse oder die vielen Vögel.

Ein Buntspecht lässt es sich eben am Futternetz draußen am kahlen Apfelbaum gut gehen. Drinnen ist es warm und gemütlich. Die Stube ist bis in halbe Höhe holzvertäfelt, drüber zeigt eine alte Seidentapete ihr Blumenmuster. An den Wänden hängen Bilder von Familienangehörigen, solchen die noch am Leben sind, aber auch vom Bruder, der im Zweiten Weltkrieg geblieben ist, und natürlich das große Hochzeitsfoto von Michaeli 1959, das die Braut in der Tracht ihrer Schwarzwälder Heimat zeigt. Eine Kuckucksuhr verrät lautstark die Stunde.

Etwa 200 Jahre sei das Haus alt, berichtet Stefan Schweikart, der vor 75 Jahren hier geboren wurde. Wieso der winzige Weiler mit seinen zwei Gehöften Bethlehem heißt, weiß er nicht so genau. Vielleicht weil er in nächster Nähe des „Heiligen Walds“ liegt und von seinem Vorfahr auf Grund gebaut wurde, der einst dem Walder Kloster gehörte.

Schweikart erzählt aber auch von einem gleichnamigen Dorf im Ostallgäu, das ganz früher Bettelheim hieß und erst später zu Bethlehem wurde. Interessant findet er sein Bethlehem hinsichtlich der politischen Lage: Weil zwischen seinem Wohnhaus, das inzwischen um den neuen Anbau für die Tochter erweitert wurde, und der 30 Meter entfernten Scheuer die Gemarkungsgrenze zwischen dem Walder Teilort Hippetsweiler und dem Pfullendorfer Teilort Gaisweiler verläuft, war hier früher auch die Kreis- und Landesgrenze zwischen Überlingen und Sigmaringen, Baden und Hohenzollern. „Ausweiskontrollen hatten wir aber auf dem Weg zur Scheuer nie“, schmunzelt Schweikart.

„Hier ist es schön“, sagt seine Frau, Maria Schweikart, „wir haben keinen Verkehr und können die Wildtiere beobachten. Und wenn viel Schnee liegt, ist es besonders eindrucksvoll“. Einmal sei eine Hausiererin zu ihnen gekommen, die Tannenduftöl verkaufen wollte, erzählt sie lachend. Da habe sie nur nach draußen gezeigt. Auch ihrem Mann ist es nie in den Sinn gekommen, den abgeschiedenen Weiler und das alte Haus zu verlassen: „Hier bin ich geboren und hier bin ich daheim.“

Nur ganz selten verirrt sich jemand hierher: Neugierige, die dem unauffälligen Straßenschild in Gaisweiler folgen, Soldaten aus der Pfullendorfer Kaserne, die im Wald eine Übung machen, oder die Mittwochswanderer von Charlotte Zoller, die im Sommer zum Verkosten des Schweikart’schen Mosts aus eigenen Johannisbeeren vorbeischauen. Und jedes Jahr an Heiligabend kommt für eine halbe Stunde Karl-Josef Hübschle aus Wald, der auf seiner Trompete ein paar Weihnachtslieder anstimmt.

Bescheiden wird Weihnachten im Haus Schweikart gefeiert. Der Christbaum findet im Herrgottswinkel beim Esstisch seinen Platz. Geschmückt wird er mit Kugeln und – wegen der Brandgefahr - elektrischen Kerzen. An Heiligabend, wenn es Saitenwürste und selbst gebackenes Brot gibt, erwartet das Ehepaar keine Gäste, denn die Tochter nebenan feiert, „wie es sich gehört“, mit der eigenen Familie. Erst am ersten Feiertag sind die beiden dort gemeinsam mit den Eltern des Schwiegersohns zum Essen eingeladen. Weihnachtsgutsele stehen indes schon vor den Feiertagen auf dem Tisch.

Stefan Schweikart schiebt sich genüsslich ein Ausstecherle in den Mund, als er sein Lieblingswerk hervorholt: Eine dicke Dokumentation aller 52 Feldkreuze, die sich im Bereich der Gemeinde Wald befinden. Feinsäuberlich nach Teilorten geordnet, bebildert und, soweit noch erfahrbar, mit ihrer Entstehungsgeschichte versehen. „Das war eine Heidenarbeit“, sagt er nicht ohne Stolz. Was sich die beiden für das neue Jahr wünschen? „Dass wir gesund bleiben und im September unsere Goldene Hochzeit feiern können“, lächelt Maria Schweikart.

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