Tierschutzaktivistin setzt Jagdverbot auf ihren Grundstücken durch

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 Elisabeth Vogel setzt auf ihren Grundstücken ein Jagdverbot durch.
Elisabeth Vogel setzt auf ihren Grundstücken ein Jagdverbot durch. (Foto: Mareike Keiper)
Mareike Keiper

Wenn Elisabeth Vogel über die Jagd spricht, bricht die Wut nur so aus ihr hervor. „Jäger schießen aus dem Hinterhalt auf wehrlose Tiere und reißen gesunde Lebewesen mitten aus dem Leben“, schimpft sie. Diese Wut hat sie zum Anlass genommen, vor sechs Jahren ein Jagdverbot aus ethischen Gründen auf ihren sieben Grundstücken in Wald, Ruhestetten und Hippetsweiler zu beantragen. Erst jetzt ist es in Kraft getreten - nach einer langen Odyssee, wie sie erzählt.

Vor ihr liegt auf einem massiven Holztisch ein prall gefüllter Ordner. Darin sammelt die 64-Jährige, die selbst Hühner und zwei Hunde hat, einerseits Zeitungsartikel, andererseits aber auch den gesamten Briefverkehr, den sie in diesem Zeitraum mit dem Landratsamt hatte. Angefangen hat diese Geschichte 2012, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte beschloss, dass eine Befriedung von Grundstücken aus ethischen Gründen möglich sei. „Davon habe ich ein halbes Jahr später durch Zufall gelesen und fand es toll“, schwärmt sie. Erstmals, ist ihr Eindruck, werde etwas für Tiere gemacht, das jedermann umsetzen könne. Also stellte die Tierschutzaktivistin und langjährige Vegetarierin im März 2013 den Antrag auf Jagdbefreiung auf ihren sieben Grundstücken an die Abteilung Recht und Ordnung des Landratsamts.

Ein Jahr lang keine Reaktion vom Landratsamt

Ein Jahr lang hörte Vogel nichts, bis sie ein Brief über eine Sitzung des Kreisjagdamtes informierte. Dabei sollte auch das Jagdverbot Thema sein. Vogels Anwesenheit sei gar nicht vorgesehen gewesen, teilt Nina Grimaldi, Leiterin der Jagdbehörde im Landratsamt, mit: „Sie hat auf ihren ausdrücklichen Wunsch an der Sitzung teilgenommen.“

Was die Pensionärin dort erlebte, macht sie heute noch fassungslos: „Ich war alleine auf weiter Flur, fast wie eine Angeklagte.“ Sie sei ausgefragt worden, auch zu ihrer beruflichen Laufbahn, ohne Gegenfragen stellen zu dürfen. „Sie wollten wissen, warum ich ein Jagdverbot möchte, wenn ich als Polizistin doch früher selbst eine Waffe getragen habe“, sagt sie. Der Kreisjägermeister Hans-Jürgen Klaiber habe sie während der gesamten „Anhörung“, wie sie es nennt, keines Blickes gewürdigt. Im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung klingt Klaiber milder: „Man muss die Befriedung akzeptieren.“

Die Flächen seien nicht so groß, dass es zu gravierenden Problemen kommen könnte. Dennoch kritisiert er das Jagdverbot: „Die Tiere weichen aus und vermehren sich dort. Jäger haben dadurch keine Handlungsmöglichkeit.“ Die wiederum seien nötig, wenn es um Tierkrankheiten wie die afrikanische Schweinepest oder um Schäden am Baumbestand ginge. „Große Teile des Landkreises sind Wald, einige Flächen werden von Fichten- zu Mischwald umgebaut. Sind die Bäume gepflanzt, müssen sie wachsen dürfen“, sagt Klaiber. Deshalb werde Reh bejagt. Hinzu komme ein hoher Bejagungsdruck durch das Ministerium.

Drei Jahre warten, bis Pachtvertrag ausläuft

Trotzdem hat sich Vogel durchgesetzt. Im März 2015, zwei Jahre nachdem sie den Antrag gestellt hat, bekommt sie die Zusage, das Jagdverbot auf ihren zwölf Hektar Grund, die sie geerbt hat, verhängen zu dürfen - allerdings erst ab April 2019. Den Grund vermutet sie in der Jagdpacht, die für zehn Jahre gesetzt ist. Die Aktivistin musste warten, bis diese Pacht abgelaufen ist. „Sie wollten zeigen, dass sie am längeren Hebel sitzen“, sagt Vogel über das Landratsamt.

Grimaldi von der Jagdbehörde begründet den langen Zeitraum anders: Der Richterspruch sei erst im Dezember 2013 in geltendes Recht umgesetzt worden. Anschließend folgte ein „aufwendiges Genehmigungsverfahren“. Das mache sich auch bei den Bearbeitungsgebühren von 860 Euro bemerkbar, die Vogel zahlen muss. Die wiederum zeigt Verständnis, allerdings nicht uneingeschränkt: „Vermutlich ist der Betrag wegen des langen Zeitraums so hoch. Aber das hätte ja gar nicht so aufgebauscht werden müssen.“ Dass sie kennzeichnen muss, in welchem Gebiet die Jäger ihre Waffe ruhen lassen müssen, empfindet Vogel als Schikane. Schließlich wüssten die Betroffenen, um welches Gebiet es geht. Dennoch stellte die Aktivistin Anfang des Monats 14 Schilder an der Grundstücksgrenze auf.

Etliche Ausnahmen für das Jagdverbot

Ganz jagdfrei ist das Gebiet aber nicht. Es gibt Ausnahmen: So dürfen Jäger die Tiere immer noch schießen, wenn es unter anderem um den Erhalt des Wildbestands, um den Schutz vor Wildschäden und vor Tierseuchen oder um die Abwendung einer Gefahr für die öffentliche Ordnung gehe. Sehr schwammig, findet Vogel.

Außerdem dürfen die Jäger auf ihren Grundstücken in Ruhestetten weiterhin Wildschweine schießen. Dort seien besonders viele Schäden durch die Tiere entstanden, so die Argumentation des Landratsamts. Trotzdem ist das Jagdverbot für Vogel ein wichtiger Schritt, auch wenn es momentan im Landkreis keine Nachahmer gibt.

Diesen Dominoeffekt hätte sie sich gewünscht. Stattdessen musste die Aktivistin viel Kritik einstecken, wurde zeitweise sogar von manchen Nachbarn gemieden. Wie inzwischen die Stimmung ist, kann die 64-Jährige nicht einschätzen, aber sie merkt, dass Ruhe einkehrt - sowohl zwischenmenschlich als auch für die Tiere auf ihrem Flur.

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