Kunstschulleiterin: „Man verliert mit dem Alter den Mut“

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In der Grundschule Denkingen zeigen sieben Kinder, an was sie in den vergangenen drei Monaten gearbeitet haben. Schülerin Lea-So
In der Grundschule Denkingen zeigen sieben Kinder, an was sie in den vergangenen drei Monaten gearbeitet haben. Schülerin Lea-So (Foto: Cäcilia Krönert)
Schwäbische Zeitung

An der Grundschule Denkingen hat Sibylle Becker-Goeschel, Leiterin der Kinder- und Jugendkunstschule Pfullendorf, ein dreimonatiges Kunstprojekt mit Kindern initiiert. Mit SZ-Mitarbeiterin Cäcilia Krönert spricht Becker-Goeschel über die Hintergründe, den großen Anteil an Mädchen und den Mut, auch mal zwei unterschiedliche Socken anzuziehen.

Was ist der Hintergrund der Kooperation zwischen der Kunstschule und der Grundschule?

Die Idee war, den Kindern eine Möglichkeit zu bieten, Kunst in ihrem Dorf zu erleben. Ganz wichtig ist, dass die Eltern nicht fahren müssen, sondern dass wir Künstler zu den Kindern kommen.

Warum haben die Kinder ausgerechnet mit Draht, Pappe und Textilien gearbeitet?

Die Auswahl der Materialien hat sich durch die Möglichkeiten der Künstler ergeben. Unsere Kunstschule hat 72 Künstler im Pool und ich habe geschaut, wer mitmachen möchte und mittwochnachmittags Zeit hat.

Sieben von 39 Kindern haben teilgenommen. Denken Sie, dass beim nächsten Kurs mehr dabei sind?

Ja.

Liegt es vielleicht am Geld, dass sich die Resonanz in Grenzen hält?

Eher nicht. Wir konnten diesen Kurs für 36 Euro pro Monat anbieten – was im Grunde nicht viel ist. Ich investiere das Geld, das uns für Werbung zur Verfügung steht, gerne in Projekte mit Kindern. Deswegen ist zum Beispiel auch nur selten ein Plakat von uns zu sehen. Mir ist wichtig, dass das Geld direkt den Kindern zugute kommt. An einem Projekt teilzunehmen, das zum ersten Mal ausgeschrieben ist, kostet aber Mut, denn man weiß ja nicht, was dahinter steckt. Die Kinder wissen nicht, was für Künstler kommen oder trauen sich an Kunst nicht gleich heran. Wenn sich das Projekt weiter herumspricht und wenn man sieht, wie die Teilnehmer gewachsen sind, auch innerlich, wie sie groß geworden sind mit ihren Präsentationen, dann bin ich überzeugt davon, dass sich beim nächsten Mal noch viel mehr anmelden werden.

Hauptsächlich Mädchen beteiligen sich am Kurs, nur ein Junge ist dabei. Wie erklären Sie sich das?

Das ist ein gesellschaftliches Thema: Wenn es darum geht, Kunst zu machen, denkt man zuerst einmal ans Malen – was natürlich nicht das einzige ist, was an Kunst möglich ist. Also denkt man: Da sind Mädchen, die malen. So wird es den Kindern leider vermittelt, wenn auch nicht bewusst.

Haben die Mädchen einen anderen Sinn für Gestaltung als der eine Junge?

Nein, das habe ich nicht so empfunden. Die haben sich sehr gut ergänzt. Mir ist wichtig, mit der Kunstschule zu zeigen, dass es um Innovation geht. Wir möchten den Kindern die Möglichkeit geben, Dinge zu erfinden – auch, wenn diese noch so klein sind. Dafür ist ein Buntstift genauso geeignet wie ein Stück Draht. Es geht darum, rauszugehen und etwas zu erfinden. Das ist nicht nur meine Ansicht, sondern auch bei den Kunsthochschulen in ganz Deutschland ein großes Thema. Es gibt immer weniger junge Menschen, die sich für eine Kunstakademie entscheiden. Immer weniger, die wirklich den Mut haben, ins Material reinzugehen.

Liegt es daran, dass die Kreativität im Alter ein wenig verloren geht?

Man verliert den Mut. Aus meiner Sicht ist es ein Gesellschaftsthema: Wer einmal ausbricht aus diesen Formen, der muss dann natürlich auch mit Kritik rechnen. Das geht ja im Kindergarten schon los. Wenn man anders ist. Wenn man zwei bunte Socken anhat statt zwei gleiche. Dabei, diesen Mut zu entwickeln – ja, ich mache das, weil ich das gut finde – sehe ich uns als Kunstschule ganz vorne. Wir bieten einen geschützten Platz für Kinder, denn sie können machen, was sie für richtig halten. Ohne Vorgaben, ohne Leistungsdruck, ohne dass jemand sagt: Das muss am Ende dann so und so aussehen. Das soll völlig frei bleiben.

Die Kinder hier an der Grundschule haben an zwei Nachmittagen pro Woche Unterricht. Für Ihre Arbeitsgemeinschaft wird ein dritter Nachmittag kreativ genutzt. Merkt man den Kindern an, dass drei Nachmittage voll verplant sind?

Auch aus langjähriger Erfahrung sehe ich das so: Es ist eine Zeit, in der man mit den Kindern ohne Vorgabe künstlerisch tätig sein kann. Es steht niemand mit dem Zeigefinger da, sondern es ist eine Zeit, in der ich frei sein kann. Ich habe noch nie erlebt, dass es für ein Kind anstrengend ist. Es wird erst anstrengend, wenn es wieder in ein Korsett geschnallt wird und diese Zeit eben nicht eine freie Zeit sein darf.

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