Kommt Geld ins Spiel, wird’s gefährlich

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Auch Imbissbuden und Gaststätten dürfen Geldspielautomaten aufstellen. Um Spielsucht vorzubeugen, sei mit der Schließung von Sp
Auch Imbissbuden und Gaststätten dürfen Geldspielautomaten aufstellen. Um Spielsucht vorzubeugen, sei mit der Schließung von Spielhallen deshalb wenig gewonnen, sagt Klaus Harter. (Foto: Ole Spata/dpa)
Schwäbische Zeitung

Mit Beginn dieses Monats ist für die Betreiber von Spielhallen eine fünfjährige Übergangsfrist zu Ende gegangen, um das geänderte Landesglücksspielgesetz umzusetzen. Klaus Harter, Leiter der Suchtberatungsstelle Sigmaringen, spricht mit SZ-Redakteur Sebastian Korinth über den Spaß am Spielen, darüber, wann Spielen gefährlich wird, und die Schattenseiten von Spielhallenschließungen.

Bei legalen Suchtmitteln wie Alkohol befürwortet Ihre Beratungsstelle einen gesunden Konsum. Haben Sie zu Spielhallen eine ähnliche Haltung?

Der Spieltrieb ist eine menschliche Eigenschaft, die zum Beispiel dazu beiträgt, eigene Kreativität zu entwickeln. Grundsätzlich ist gegen das Spielen also nichts einzuwenden. Ein Angebot für legales Glücksspiel ist wichtig, um dieses nachgewiesene Grundbedürfnis der Menschen zu bedienen und zu regeln. Damit hat der Staat auch die Möglichkeit, die Abwanderung ins illegale Glücksspiel einzudämmen. Zudem hat sich das Selbstverständnis von Spielhallen in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Auch in der Bevölkerung sind sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen – ob uns das passt oder nicht.

Gehen Menschen denn eher in eine Spielhalle, um sich vom Alltag abzulenken, oder weil sie auf das große Geld hoffen?

Das Glücksspiel wird von ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen genutzt, deshalb sind die Motive auch breit gefächert. Manchen macht das Spielen an Geräten einfach Spaß, dabei kann es sich ja auch um einen Kicker handeln. Schwierig wird es, wenn es um Gewinnmöglichkeiten geht. Dann sind Menschen anfälliger für Spielsucht. Alle, die zu uns in die Suchtberatung kommen, haben am Anfang ihrer Spielerkarriere relativ schnell einen überproportional großen Gewinn gemacht. Nicht unbedingt in Spielhallen, sondern zum Beispiel auch an Automaten in einem Imbiss oder einer Gaststätte.

Steigt mit der Anzahl der Spielhallen in einer Stadt auch die Anzahl der Spielsüchtigen?

Nein. Vor ein paar Jahren haben wir geglaubt, das nachweisen zu können. Als die sieben Spielhallen in der Stadt Mengen vorübergehend geschlossen hatten, ging die Anzahl der Spielsüchtigen, die unseren Rat suchten, zunächst zurück. Einige Spielhallen haben dann aber wieder geöffnet. Heute machen weniger Spielhallen mehr Umsatz als die sieben damals. Zwischen der Anzahl der Spielhallen und der Anzahl der Spielsüchtigen scheint es also keinen direkten Zusammenhang zu geben.

Pfullendorf mit seinen acht Spielhallen hat also nicht mehr Spielsüchtige als andere Kommunen?

Das können wir nicht beurteilen. Wir können nur Aussagen treffen über die Zahl derjenigen, die den Weg zu uns finden. Und bezogen auf diese Zahlen gibt es keine Pfullendorf-spezifische Häufung.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das neue Landesglücksspielgesetz?

Allein mit der Schließung von Spielhallen ist wenig gewonnen. Stattdessen müssen wir für die Gefahren von Spielsucht das entsprechende Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen. Früher hätte ich gesagt: Je weniger Spielhallen, desto besser. Heute sehe ich das differenzierter. Bei Überregulierung besteht in der Tat die Gefahr, dass Menschen zum Spielen auf den ungeregelten Bereich ausweichen. Auch Imbissbuden dürfen Geldspielautomaten aufstellen und dafür, dass Spielwillige zum Spielen ins Internet abwandern, gibt es bereits jetzt genug Indizien – auch wenn ich das vor ein paar Jahren nicht geglaubt hätte.

Minderjährige haben zu Spielhallen doch ohnehin keinen Zutritt. Trotzdem muss eine Spielhalle in Zukunft 500 Meter Abstand zu Schulen und Kindergärten einhalten. Ist das sinnvoll?

Ich finde diese Vorgabe gut. Spielhallen üben auf Kinder und Jugendliche ja schon eine gewisse Anziehungskraft aus.

Die Suchtberatungsstelle bietet Spielhallenbetreibern eine Kooperation an. Nehmen die Betreiber aus Pfullendorf dieses Angebot an?

Sie müssen. Aber es gibt natürlich solche und solche. Einige investieren viel Geld in den Spielerschutz und sind willig, am gemeinsamen Präventionskonzept aktiv mitzuarbeiten. Andere tun eher das Nötigste.

Können Sie präventiv gegen Spielsucht vorgehen?

Ja, das können wir. Der Schwerpunkt liegt auf den gewerblichen Schulen. Dort kooperieren wir mit den Schulsozialarbeitern und der Suchtbeauftragten des Landkreises. Zum Thema Spielsucht gibt es beispielsweise das Theaterstück „Zocker“, mit dem wir an Schulen arbeiten. Die meisten Spielsüchtigen, die unsere Beratung in Anspruch nehmen, sind zwischen 23 und 30 Jahre alt. Die Süchtigen, die überwiegend am Computer oder Handy spielen, sind im Durchschnitt etwa fünf Jahre jünger. Dass es nahezu alle Spiele aus den Spielhallen inzwischen auch im Internet gibt, betrachten wir deshalb mit Sorge.

Sollte jemand, der einmal spielsüchtig war, jemals wieder eine Spielhalle betreten?

Auf keinen Fall. Die Spielhallenbetreiber unterscheiden sich allerdings auch in dieser Frage. Es gibt einige in der Branche, die die Wahrheit verleugnen und behaupten, dass mit Beratung erreicht werden kann, dass die Betroffenen wieder spielen können. Davor kann ich nur warnen.

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