Jobsuche: „Niemand will einen Behinderten“

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Egal, ob Behinderung oder Entwicklungsstörung: Menschen, die psychisch oder körperlich beeinträchtigt sind, haben es bei der Jo
Egal, ob Behinderung oder Entwicklungsstörung: Menschen, die psychisch oder körperlich beeinträchtigt sind, haben es bei der Jo (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
Schwäbische Zeitung
Digital-Redakteur Alb-Donau-Kreis/Ulm

Der Mann ist sauer. In der Öffentlichkeit präsentierten sich Unternehmen als bemüht, behinderten Menschen Arbeit zu verschaffen. „Doch das stimmt nicht – im Gegenteil“, sagt ein 50-jähriger Pfullendorfer (Namen der Redaktion bekannt), der seit mehr als zehn Jahren einen Schwerbehindertenausweis hat.

Die vergebliche Suche nach einem Arbeitsplatz habe er am eigenen Leib erfahren. Als es um die Stelle in einer Pfullendorfer Autowerkstatt ging, habe er sich anhören müssen: „Wir wollen keinen Schwerbehinderten.“ Dabei habe der gelernte Kfz-Mechaniker dort schon seit vier Monaten gearbeitet – auf 400-Euro-Basis. Er habe es satt, dass Unternehmer für ihre angebliche Offenheit behinderten Menschen gegenüber in den höchsten Tönen gelobt werden, sagt der 50-Jährige.

Sein damaliger Chef weist die Kritik des Mannes entschieden zurück. „Wir haben ihn mit offenen Armen aufgenommen“, sagt der Geschäftsführer der Autowerkstatt. Der Angestellte habe den Pannendienst auch zuverlässig und zu jeder Tages- und Nachtzeit zufriedenstellend erledigt. Dass der Mann schwerbehindert ist, habe er bis heute nicht gewusst, beteuert der Arbeitgeber. „Und wenn schon: Er hat seine Arbeit immer gut gemacht“, sagt er.

Andere Bewerber sind geeigneter

Die Festanstellung wollte er dem heute 50-Jährigen aber trotzdem nicht anbieten – obwohl die Stelle damals ausgeschrieben war. Für den ständigen Kontakt mit Kunden seien andere Bewerber geeigneter gewesen, sagt der Geschäftsführer

Nachdem er die Entscheidung seinem schwerbehinderten Angestellten mitgeteilt habe, habe sich dieser „unmöglich“ verhalten, sagt der Werkstattleiter. Der 50-Jährige habe sogar mit Kunden gestritten. „Den hätten Sie mal erleben sollen“, sagt der Geschäftsführer.

Für den Schwerbehinderten – der seit einem privaten Schicksalsschlag immer wieder Angstzustände durchlebt – ist der Grund für die Nichtanstellung klar. „Niemand will einen Behinderten“, sagt er. Möglicherweise, so vermutet der 50-Jährige, habe in der Werkstatt doch jemand erfahren, dass er einen Schwerbehindertenausweis hat und er sei deshalb nicht eingestellt worden. Inzwischen wisse er sich nicht mehr anders zu helfen, als den Ausweis zu verheimlichen. „Sonst schaffe ich es erst gar nicht zu einem Vorstellungsgespräch“, sagt der 50-Jährige. Auch bei größeren Firmen in Pfullendorf habe er sich vergeblich beworben.

Nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Frau sei es schwer bis unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden. Die 35-Jährige leide seit ihrer Geburt am Asperger-Syndrom, einer Variante von Autismus. Zwar sei sie bis 2005 noch im Dreischichtbetrieb angestellt gewesen, allerdings sei das selbstständige Arbeiten irgendwann nicht mehr möglich gewesen, sagt die Frau. Ihr Arzt habe ihr daher eine Stelle im Werkstättle in Pfullendorf empfohlen. Doch daraus wurde nichts.

„Wir hatten zum Zeitpunkt der Bewerbung nur einen Platz ausgeschrieben – und diesen haben wir an einen anderen schwerbehinderten Menschen vergeben“, sagt Werkstättle-Geschäftsführer Rüdiger Semet. Der andere Bewerber sei für die Stelle schlicht und ergreifend besser geeignet gewesen, weil er den Anforderungen besser entsprochen habe. „Wir können leider nicht alle aufnehmen“, sagt Semet.

Druck aufs Werkstättle wächst

„Wir müssen immer den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Sozialem schaffen“, sagt Rüdiger Semet. Der Druck auf das Werkstättle, das sich für die Wiedereingliederung physisch und psychisch kranker Menschen in den Arbeitsmarkt engagiert, sei enorm gestiegen. „Früher hatten wir eine Woche Zeit, um unsere Arbeit zu erledigen. Heute bleibt uns dafür nur noch ein Tag.“

Zwar keine feste, sozialversicherungspflichtige Stelle, aber immerhin eine zeitweise Beschäftigung für 1,50 Euro pro Stunde wurde der 35-Jährigen über eine Zuweisung durch das Jobcenter in Sigmaringen angeboten: entweder in der Bürgerarbeit beim Werkstättle oder in der karolingischen Klosterstadt Campus Galli in Meßkirch. Den Campus Galli hätten sie und ihr Ehemann auch besichtigt, sagt die Frau. Am Ende habe ihr Mann ihr allerdings davon abgeraten, dort zu arbeiten. „Dort gibt es jemanden, der Frauen angrapscht. Da kann sie sich nicht wehren. Das will ich nicht“, sagt der 50-Jährige. Rüdiger Semet mahnt diesbezüglich zur Vorsicht, verweist auf die extrem sensible Reaktion von Menschen mit Asperger-Syndrom auf Körperkontakt. Warum es auch mit einer Beschäftigung bei der Bürgerarbeit nicht klappte, lässt sich nicht eindeutig klären. Fest steht: Alle Versuche, für die 35-Jährige eine Beschäftigung zu finden, waren am Ende nicht von Erfolg gekrönt.

Der Betreuer des arbeitslosen Ehepaars möchte in beiden Fällen „lieber den Ball flach halten“. „Die Wahrheit liegt in der Mitte“, sagt der Berufsbetreuer, der sich um bis zu 50 Menschen mit Behinderung kümmert. Die Angelegenheiten seien unglücklich gelaufen. Wie er aber aus den Gesprächen mit seinen Klienten wisse, sei die Suche nach Arbeitsstellen ein wichtiges Thema. „Eine große Klappe kann jeder haben“, sagt der Betreuer. „Aber wenn es ans Umsetzen geht, dann sind die Unternehmen vielleicht doch nicht so, wie sie sich präsentieren.“

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