Quo vadis SV Kickers Pforzheim? Ratlose Gesichter derzeit beim Oberligisten aus der 120000-Einwohner-Stadt, bekannt auch als Gol
Quo vadis SV Kickers Pforzheim? Ratlose Gesichter derzeit beim Oberligisten aus der 120000-Einwohner-Stadt, bekannt auch als Gol (Foto: Michael Ripberger)
Schwäbische Zeitung
Sportredakteur
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Der SV Kickers Pforzheim gastiert am Samstag (14.30 Uhr, Geberit-Arena) beim SC Pfullendorf. Nicht unwahrscheinlich scheint es nach derzeitigem Stand der Dinge, dass dieses Spiel der Hinrunde das einzige Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten im Kampf um den Klassenerhalt in dieser Saison bleiben wird. Denn die Kickers Pforzheim, ein Fusionsverein aus den Pforzheimer Stadtteilklubs Germania Brötzingen und 1. FC Eutingen, erwägen aufgrund akuter finanzieller Probleme den Rückzug aus der Oberliga Baden-Württemberg.

Zumindest werden die Nordbadener - so viel scheint festzustehen - in der Rückrunde ein völlig anderes Team stellen als das aktuelle. Denn etliche Spieler haben angekündigt, den Verein zur Winterpause zu verlassen. Auch Trainer Rudi Herzog will mit dem Ende der Vorrunde das Handtuch werfen. Grund für die Fluktuation sind offenbar anhaltende Zahlungsschwierigkeiten des Vereins. Erste sportliche Auflösungserscheinungen gab es vor zehn Tagen, beim 0:6 gegen Friedrichstal, obwohl man nur eine Woche zuvor der TSG Balingen ein 1:1 abgetrotzt hatte. Fraglich ist derzeit, ob die Kickers im Winter ihren Kader aus der zweiten Mannschaft, die in der Kreisliga Pforzheim spielt, auffüllen und sich an jedem Wochenende eine Packung abholen. Sicher ist, dass Mannschaft und Verein angekündigt haben, die noch ausstehenden beiden Spiele vor der Winterpause zu bestreiten. In der Winterpause will der Vorstand der Kickers dann über das weitere Vorgehen entscheiden.

Beim zweiten Pforzheimer Fusionsverein - mit dem 1. CfR Pforzheim gibt es in der Goldstadt an der Enz einen weiteren Verein, der aus einem Zusammenschluss (der Traditionsvereine 1. FC Pforzheim und VfR Pforzheim) entstanden ist - wohl lieber einen Rückzieher machen, als mit dem Mittel des Schuldenmachens den Spielbetrieb in der Oberliga aufrecht zu erhalten. Der Aufstieg der Kickers aus Pforzheim geriet in den vergangenen Jahren wohl zu rasant. 2011 fusionierten die beiden Pforzheimer Stadtteilklubs Germania Brötzingen (Weststadt, die ursprüngliche Heimat liegt einen Steinwurf vom Gelände des 1. FC Pforzheim entfernt) und 1. FC Eutingen - am Ostende der Stadt. Mittelfristiges Ziel war bereits bei Vereinsgründung die Oberliga Baden-Württemberg. Die Germania brachte den Aufstieg in die Landesliga via Relegation in die Ehe ein, fortan wurde das Landesligateam hauptsächlich mit Spielern Germania Brötzingens bestückt. Der 1. FC Eutingen trat als SV Kickers Pforzheim II weiter in der Kreisliga an. Nach Rang sieben 2011/2012, folgte 2013 als Meister der Aufstieg in die Verbandsliga, wo man schnurstracks am Ortsrivalen CfR Pforzheim vorbei im Sommer 2014 als Meister in die Oberliga durchmarschierte - und gleich noch Spieler vom Lokalrivalen und aus der „Konkursmasse“ des Oberligisten TSV Grunbach abwarb. Einzig die Identifikation mit den Fans fehlte wohl. Einen ersten sportlichen Rückschlag gab es schon im Spätsommer 2014, als man im BFV-Pokal ausgerechnet am CfR scheiterte.

Keine Schulden für Spielbetrieb

Auf der Homepage der Kickers stand am 11. November eine Stellungnahme von Sportvorstand Giovanni Salamone und Finanzchef Massimo Caruso zu lesen, in der die beiden einräumen, dass vor allem der Spielbetrieb der ersten Mannschaft die größte Baustelle sei. „Der Aufwand in der Oberliga ist sowohl finanziell, als auch personell um ein vielfaches höher, als wir zunächst eingeschätzt haben“, steht dort, zudem werde der höherklassige Fußball von den Zuschauern nicht angenommen. Der Verein sei aber „finanziell kerngesund und werde dies auch bleiben“. Jedoch werde man nicht den Spielbetrieb aus Vereinskapital finanzieren. Was nun dazu führe, dass Spieler auf Zusagen verzichten müssten, räumen Salamone und Caruso ein. Trotzdem werde man die Spiele im Jahr 2014 zu Ende bestreiten.

Wie es im kommenden Jahr weitergeht, ist derzeit offen, so auch die Einschätzung der Pforzheimer Zeitung. Möglich erscheint immer noch eine weitere Fusion - mit dem finanziell klammen 1. CfR Pforzheim (derzeit Tabellenzweiter in der Verbandsliga Nordbaden), dessen Altlasten aus den Achtziger- und Neunzigerjahren als 1. FC Pforzheim in der Oberliga resultieren. So will man in der Goldstadt Kräfte bündeln, mögliche Sponsorengelder nicht auf zwei Vereine verteilen müssen und gemeinsam das Ziel Regionalliga anstreben. Wenn auch Salmone/Caruso betonen: „Wir schließen heute und auch für die Zukunft einen Wechsel zum CfR Pforzheim definitiv aus. Unsere Aufgaben sind und bleiben die Interessen des SV Kickers Pforzheim.“

Doch hinter den Kulissen wird in Pforzheim längst an der Fusion gestrickt, entsprechende Gespräche laufen. Noch im November planen der Kickers-Vorstand Salmone/Caruso und der CfR-Vorstand um den Vorsitzenden Markus Geiser Sondierungsgespräche. Danach sollen bereits Informationsveranstaltungen für die Mitglieder geplant sein. Fraglich nur, in welcher Liga der neue Verein dann spielt, sollten die Kickers aus der Oberliga zurückziehen und der CfR am Aufstieg einmal mehr vorbeischrammen.

Die beiden Fusionsvereine Germania Brötzingen (Gründung 1906) und 1. FC Eutingen (Gründung 1909) haben beide eine über 100-jährige Geschichte - und kommen aus zwei entgegengesetzten Richtungen in Pforzheim. Vor allem die Germania gilt als Traditionsklub. Die ehemaligen Brötzinger Mitglieder vermissten nach der Fusion ihr „Germania“ im Namenszug. Auch weil Germania in der Goldstadt als Legende gilt, in den Dreißigerjahren eine Mannschaft stellte, die binnen weniger Jahre den Aufstieg in die damals höchste deutsche Spielklasse, die Gauliga, schaffte, sich dort fünf Jahre hielt. Ist in Pforzheim von der „Wunderelf“ die Rede, meint man die Germania der Dreißiger, das wissen nicht nur die Alten. Bekanntester Spieler war Theodor Burkhardt, der es in deiser Zeit bis zum National- und Auswahlspieler brachte und später, 1935, ausgerechnet zum Ortsnachbarn 1. FC Pforzheim wechselte. Bezeichnenderweise ist auf der Homepage des SV Kickers nichts zur Vergangenheit der beiden Klubs zu finden. Massiv getroffen haben den Verein vor allem die Austritte aus den Reihen der Eutinger Mitglieder, die sich mit dem neuen Verein nicht identifizieren können. Spielstätte der Kickers ist das relativ neue Stadiongelände im Industriegebiet Wilferdinger Höhe, das Eutinger Sportgelände „Am Ratach“ ist vor allem Heimat der Jugendmannschaften und soll aus Gründen des Gewässerschutzes in den kommenden Jahren sogar ganz dicht gemacht werden. (mac)

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