Das Motto der Fasnet lautet „In dulci jubilo“

Lesedauer: 7 Min
 Zunftmeister Andreas Narr (links) und Schultes Thomas Kugler (Mitte) stehen sich in ihren Frotzeleien in nichts nach. Narrenpol
Zunftmeister Andreas Narr (links) und Schultes Thomas Kugler (Mitte) stehen sich in ihren Frotzeleien in nichts nach. Narrenpolizei Walter Roßknecht heizt dazu die Stimmung mit seiner Schelle an. (Foto: Anthia Schmitt)
Anthia Schmitt

Pünktlich um 11.11 Uhr hat Narrenpolizist Walter Roßknecht gestern mit seiner Schelle lautstark die Martini-Sitzung der Narrenzunft Stegstrecker eröffnet. Gefeiert wurde wieder im ungeheizten Heimatmuseum Bindhaus und so saßen die vielen Gäste, die sich trotz des Werktags Zeit genommen hatten, dicht gedrängt und in warme Jacken gehüllt auf den Bänken.

„Eine höchst offizielle Sitzung“, reimte Zunftmeister Andreas Narr, daher sei es auch nur selbstverständlich, dass die „Topführungsriege der Stadt mit Bürgermeister Thomas Kugler an der Spitze“ gekommen sei. Zwar gab es in diesem Jahr nicht viel Lästerliches über die Stadt zu sagen, aber eines war dem Zunftmeister doch wichtig: Das Loch in der unteren Hauptstraße, das entgegen aller Hoffnungen der Umweltschützer kein Biotop, sondern das Fundament des neuen Aufzugs am Rathaus werde, möge doch bitte bis zum großen Umzug anlässlich des Landschaftstreffens Anfang Februar geschlossen werden. „Sollten wir feststellen, dass die Loyalität gegenüber den Stegstreckern nachlässt, alarmieren wir postwendend die Bürgerwehr“, warnte Andreas Narr.

Sichtlich erfreut war er über diejenigen Gäste, die die Zeche für die „verschwendungssüchtigen“ Stegstrecker zahlen: Die beiden Banker Werner Groß und Bernd Ruther, die auch brav ihren Obulus ablieferten, und Feuerwehrkommandant Dieter Müller, der als verurteilter Delinquent des letzten Streckgerichts die Kosten für die anschließende Brennsupp übernehmen musste. In seiner närrischen Rede stellte der Zunftmeister zwar zunächst noch seine eigene Bedeutung dar: „Auf mi hat die Welt g’wartet, jetzt wird’s Zeit, dass ihr mich zum Engel macht.“ Ein kleiner Wechsel der Brille zur rosaroten Variante, der „Meinungsoptimierungsbrille“, die er auch gleich an das Publikum verteilte, beendete aber das selbstverliebte Eigenlob und änderte die Perspektive: „Beim Blick durch diese Brille sieht doch das Obertor gleich aus wie frisch g’stricha.“

Subventionen durch die rosa Brille gesehen

Und auch Kämmerer Michael Traub wirkte mit den rosa Gläsern gleich viel großzügiger. „Du dusch di leichter mit den Subventionen an den Narrenverein“, versprach der Zunftmeister. Kein Geheimnis machte er aus dem Motto der Fasnet 2020: „In dulci jubilo“. Wer vor’s Streckgericht gestellt wird, bleibt zwar noch bis Dreikönig unter Verschluss, aber so viel wurde schon mal verraten: „Er saß lang vorne dran, wie auf einem Thron, und hat dann gedacht, er könnte sich heimlich aus dem Staub machen.“

„Narren an die Macht“, reimte Schultes Thomas Kugler und erinnerte nicht nur an die drei Stegstrecker, die nach der letzten Gemeinderatswahl ins Gremium einzogen, sondern auch an den neuen Amtskollegen in der Nachbargemeinde Illmensee, in der jetzt ein Wasserspucker das Sagen habe. „Die Narren wollen das System unterwandern“, mutmaßte Kugler. Aber vielleicht habe man ja jetzt Fasnet das ganze Jahr, und lustig werde es im Gemeinderat sowieso.

Jörg-Arne Bias von den Stadtwerken widmete sich in der Bütt dem Thema „Energiewende“. Leider wisse bei der ganzen alternativen Energie keiner, wo morgen der Strom herkomme, deshalb hätten die Stadtwerke ein neues Geschäftsfeld entwickelt: „Kerzen aus Bienenwachs, wenn die Lichter ausgehen.“ Den Narren empfahl er, wenn das große Narrentreffen, zu dem über 8000 Narren und nochmal genauso viele Zuschauer erwartet werden, ge- stemmt sei, einen Besuch im Waldfreibad. Den großen Schwimmring und jede Menge Freikarten für das erholsame Bad hatte er gleich dabei.

Vom „Bund der Steuerzahler“ hatte Narrenblatt-Chefredakteur Günther Kratzer so manche Verschwendung im Visier. „Vier Schilder am Friedhof sind zwei zu viel“, reimte er über die neue Parkplatzbeschilderung. Auch die Umgestaltung des Spielplatzes im Stadtgarten in einen Räuberspielplatz, trotz völlig intakter Spielgeräte, erschien ihm eine unnötige Ausgabe und sowieso der neue Aufzug am Rathaus, der nicht mehr nötig sei, weil „sowieso kaum noch Gottesdienste in der Stadtkirche stattfinden“.

Werner Groß von der Volksbank verriet, dass beim großen Narrentreffen eine „Meckerer-Verbrennung“ auf dem Marktplatz stattfindet. Die geheime Liste der Kandidaten sei schon fast voll. Seine Kollege Bernd Ruther von der Sparkasse hatte nicht nur seine Blockflöte für den Narrenmarsch dabei, sondern auch jede Menge neue Autoschilder für wichtige Funktionsträger. So werde der Schultes in Anbetracht des Wachstums der Stadt sicher bald zum Oberbürgermeister und Jörg-Arne Bias mutiere zum Energiegiganten. Auch das Ausbildungszentrum Spezielle Operationen hatte einen Vertreter zur Martini-Sitzung entsandt. Maik Werner hatte auch im Nachhinein noch seine helle Freude, weil die Pfullendorfer beim Tag der Bundeswehr in der Kaserne eine Demonstrantenschar zum Schweigen gebracht hatten.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen