Zukunft der Gerberei ungewiss

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Zerbrochene und zugenagelte Fenster, bröckelnder Putz: Die ehemalige Gerberei in Ostrach erinnert an ein Geisterhaus.
Zerbrochene und zugenagelte Fenster, bröckelnder Putz: Die ehemalige Gerberei in Ostrach erinnert an ein Geisterhaus. (Foto: Rainer Spendel)
Schwäbische Zeitung

Sie ist der Schandfleck Nummer eins in Ostrach: Die alte Gerberei an der Sigmaringer Straße. Seit Jahren steht das Gebäude leer. Die meisten Fenster sind zerbrochen oder zugenagelt, der Putz ist mit den Jahren dunkel und unansehnlich geworden, der Zugang ist versperrt. Sogar bei strahlendem Sonnenschein sieht das zerfallende Haus mitten im Ortskern von Ostrach gespenstisch aus. Dennoch ist dem zweistöckigen Haus anzusehen, dass es ein Schmuckstück sein könnte – wenn es in einem gepflegten Zustand und mit Leben erfüllt wäre.

Das Haus wurde Ende der 1930er-Jahre gebaut. In den Anfangsjahren war dort eine Gerberei untergebracht. „Das Haus war Teil einer großen Geberei, der Gerberei Kerle. Deren Gelände reichte ungefähr vom heutigen Autohaus Bauknecht bis zu der alten Geberei in der Sigmaringer Straße“, berichtet Heimatforscher Josef Unger. „Die Familie Kerle hat über Generationen hinweg eine Gerberei betrieben. Sie war ein bedeutender Handwerksbetrieb in Ostrach“, sagt er.

Teil eines großen Betriebs

Das alte, leerstehende Haus, das nun neben dem Edeka verfällt, ist das Einzige, was heute noch von dem Komplex steht. Dort wurden Häute zu Leder verarbeitet und gelagert. Im Keller befanden sich die Gruben, in denen die frischen Häute in Salz eingelegt wurden. In den obereren Räumen wurden die Häute zum Trocknen und zum Weiterverarbeiten aufgehängt.

Emil Kerle, der das Haus bauen ließ, war vor der Zeit des Dritten Reichs Bürgermeister in Ostrach. Ihm wurde sein Beruf als Gerber und Lederhändler zum Verhängnis: Während der Nazi-Herrschaft hatte er angeblich einen Schwarzhandel mit Kuhhäuten betrieben. Er musste in Saulgau ins Gefängnis. „Dort starb er unter ungeklärten Umständen“, weiß Josef Unger zu berichten.

Eine von Kerles Töchtern, Albertine, heiratete Hermann Köder, einen Neffen des Maler-Pfarrers Sieger Köder. Hermann Köder übernahm die Gerberei zwar, doch die Fortführung des Betriebs war nur von kurzer Dauer. „Er war kein Gerber“, sagt Unger. „Er hat den Betrieb bald stillgelegt“. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Ostracher Firma Jung Polykontakt in die ehemalige Gerberei ein. Seit sie auf ein neues Gelände zog, steht die alte Lederfabrik leer. Die Gerber haben trotzdem ihre Spuren in dem Haus hinterlassen. „Wahrscheinlich ist das Gebäude heute noch mit Salpeter und Salzen belastet“, sagt Unger.

Heute gehört das Gebäude Norbert Klein, dem Inhaber des Elektrogeschäfts Klein in Ostrach. Darüber, was er mit der alten Gerberei anstellen will, will er sich nicht äußern. Er verrät lediglich, dass es mehrere Interessenten für das Haus gebe. „Ich bin in Verhandlungen“, sagt Norbert Klein.

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