Historisch: Moor lockte so manchen Geschäftsmann

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Der neue Besitzer der ehemaligen Torfbrikettfabrik Ostrach ist dabei, die Restgebäude stilecht zu restaurieren.
Der neue Besitzer der ehemaligen Torfbrikettfabrik Ostrach ist dabei, die Restgebäude stilecht zu restaurieren. (Foto: josef unger)
Schwäbische Zeitung
Josef Unger

Was wurde nicht schon alles über das große Moor zwischen Wilhelmsdorf und Ostrach geschrieben, diskutiert und gestritten? Die einen wollten ihr Geld aus dem Torf als Brennmaterial machen, indem sie die Technik zur Hilfe nahmen und in Ostrach sogar ein Torfbrikettwerk erstellten. Da spielte der erst jüngst zum 150. Geburtstag hoch geehrte Stuttgarter Industrielle Robert Bosch eine besondere Rolle.

Er musste nach dem ersten Weltkrieg einsehen, dass aus harter Steinkohle vom Ruhrgebiet mehr Energie erzeugt werden kann als aus dem weichen Torf aus dem Ried im oberen Ostrachtal. Aber selbst ein württembergischer König, nämlich Wilhelm I., hatte große Pläne und er verwirklichte sie, indem er aus dem Stuttgarter Raum Siedler ins Ried verfrachtete. Es entstand die Brüdergemeinde Wilhelmsdorf, die es aber vorzog, nicht im weichgründigen Ried, sondern auf dem stabilen Untergrund der Eiszeitausläufer zu siedeln.

Absolut nicht dem Wunsch von Robert Bosch entsprechend verlief die Zukunft des Pfrunger, heute Pfrunger-Burgweiler Riedes. Zur gleichen Zeit etwa, also um 1912, standen auch in Oberbayern Moorgebiete zum Kauf an – Bosch erwarb sie. Doch nur die Kriegsjahre waren Erfolgsjahre. In der Biografie „Robert Bosch – Leben und Leistung“ zitiert ihn Alt-Bundespräsident Theodor Heuss wörtlich: „Das Torfmoor soll in Wiesen umgewandelt werden, die ich schon mit einigen Tausend Stück Vieh vor Augen sehe. Ganz werde ich diesen Traum wohl kaum erleben.“

Robert Bosch und König Wilhelm I. hatten sich zum Ziel gesetzt, aus dem Ried zwar keine blühenden Gärten, aber doch landwirtschaftliches Nutzland zu machen. Bei dem Stuttgarter Geheimrat Bosch wuchs dieser Gedanke allerdings erst, als seine Torfbrikettfabrikation in Ostrach nach dem ersten Weltkrieg total in die Hose ging. Bereits vor ihm hatten sich mehrere schweizerische und deutsche Fabrikanten die Finger verbrannt. 1923 wurde das Ostracher Werk stillgelegt und 1926 verließ der letzte, in freier Natur getrocknete Brenntorf den Ostracher Bahnhof. Das Riesenareal Ried, die Fabrikgebäude und die Torfbahn wurden verkauft.

Verladehalle zieht nach Hohentengen um

Die Wiesen und Torfstiche gingen an zahlreiche Interessenten, die Gebäude erwarb eine Landwirtsfamilie aus Eschendorf und die Bahn mit zwei Loks wurden verschrottet. Aus der Verladehalle wurde in Hohentengen eine Festhalle als Kulturzentrum der Göge gebaut. Der Schornstein als Wahrzeichen florierender Wirtschaft wurde 1936 gesprengt. Ein Ostracher Neubürger ist dabei, die erworbenen Restbauten stilgerecht zu restaurieren, was von der Einwohnerschaft begrüßt und aufmerksam verfolgt wird. Schließlich gehört die „Fabrik“ nicht minder zu Ostrach als das Buchbühldenkmal.

Aber auch andere Unternehmer versuchten, mit dem „Schwarzen Gold“ des Moores reich zu werden. Die 1939 gegründete Firma Emele und Reck produzierte bis nach dem zweiten Weltkrieg Kohleanzünder. Karl Reck zog es vor, Bürgermeister von Ostrach zu werden. Der Küfer und Weinhändler Halder in Ostrach hatte den Baggersee mit Umland erworben, um dort die im Küferhandwerk gefragten Sumpfrohrkolben, hierzulande auch Kanonenputzer genannt, für die eigene Verwendung und zum Verkauf zu ernten. Die Politik hatte schließlich auch ein Auge auf die Moorflächen geworfen. Mit Riesenflächen Hanf wurde während des Dritten Reiches versucht, den nährstoffarmen Boden fruchtbarer zu gestalten. Die bis zu drei Meter hohen Pflanzen wurden in Bad Buchau zu Uniformstoffen verarbeitet.

Rentable Landwirtschaft gestaltet sich schwierig

Die „Erzeugungsschlacht“ lief auf vollen Touren. Schwer tat sich der Landwirt Hug mit dem Aufbau einer rentablen Landwirtschaft. Die Baggerseen wurden befischt, doch die Fische schmeckten „moorig“. Die Riedwirtschaft konnte dank der Initiativen des Gemeinderates Wilhelmsdorf gerettet werden und ist heute begehrtes Sonntagsausflugsziel. Auch die Eisenbahn versprach sich Profit von der Torf- und Holzgewinnung, indem sie Anfang des 20. Jahrhunderts den Bau einer Eisenbahnlinie von Mengen über Ostrach und Wilhelmsdorf in Richtung Friedrichshafen konzipierte. Hier schoss allerdings die Stadt Ravensburg aus wirtschaftlichen Gründen quer und sie kam nicht zustande.

Die Firmen Keck-Übele und Kneer hinterließen nach dem Abbau von Moorerde für Pflanzzwecke eine landschaftsprägende Seenlandschaft. Neuerdings ist ein Saulgauer Autor dabei, mordsgeschichtliche Romane über das Ried zu schreiben. Als einziger ist er wohl nicht von der Qualität des Moores abhängig. Zu guter Letzt ist derzeit das „Großprojekt Pfrunger Burgweiler Ried“ im Gang, das mit mehr als sechs Millionen Euro Einsatz versucht, den Zustand des Riedes nach der Eiszeit vor gut 12 000 Jahren nachzuempfinden und wieder herzustellen.

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