Die Ostrach war einst eine Grenze

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 Ulrike Moser erklärt an der Ostrach das Hin und Her der Grenzen, wie es dazu kam, dass der Ort am Ende Hohenzollerisch wurde.
Ulrike Moser erklärt an der Ostrach das Hin und Her der Grenzen, wie es dazu kam, dass der Ort am Ende Hohenzollerisch wurde. (Foto: vera romeu)
Vera Romeu

Die Pfarrhauserin Agnes Strobel muss es wissen: Sie erfährt alles aus nächster Nähe, weil im Pfarrhaus Vieles zusammenkommt und plaudert es munter aus. Ulrike Moser hat sich diese Figur ausgesucht, um unter dem Titel „Dorfgeplauder“ einen schönen Rundgang durch Ostrach zu machen und viele Geschichten aus der Zeit um 1820 zu erzählen. Pfarrhauserin Agnes hat die Schlacht von Ostrach erlebt, ist dem Schwarzen Vere begegnet, kann von den begabten Künstlern, die in der Kirche gewirkt haben, erzählen. Sie mischt die Berichte mit empathischen Gedanken.

Ulrike Moser fügt der Führung immer wieder etwas Neues hinzu und unterhält gekonnt ihr Publikum. Sie singt, lacht, berichtet Humorvolles und zeichnet das Leben einer Pfarrhauserin. Eine Gruppe von 15 Interessierten ist ihr gefolgt. Der Rundgang endete im obersten Stock des Amtshauses – des Dorfmuseums. „Wir wollen mit dieser Führung auch unser Museum bekannt machen“, erklärte sie ihrem Publikum und verteilte Schwarzwurst und Apfelschnitze. Die Führung der Pfarrhauserin Agnes sowie die Museumsführung können auch für Gruppen gebucht werden.

Erst eine Kerze anzünden

Die Pfarrhauserin nahm zuerst die Gruppe in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden und für Ostrach zu beten. Sie zeigte, was für großartige Künstler die Bilder gemalt haben. So gut würde sie auch gerne malen können, sagt sie immer wieder. Und schwärmt vor den Bildern. Dann geht es zum Pfarrhaus rüber. Dem Pfarrer möchte sie auf diesem Weg nicht begegnen; der beklage sich, sie koche nicht gut genug und immer nur Griesbrei, plaudert sie aus dem Nähkästchen.

Sie erklärte den Pelikan und das Einhorn, die auf dem Wappen des Salemer Abts Stephan, das über der Pfarrhaustür hängt, zu sehen sind. „In der Salemer Zeit hat es Ostrach gut gehabt. Da gab es keine armen Leute und es gab gute Schulen“, berichtet sie und erzählt vom guten Leben unterm Krummstab.

An der Ostrach bleibt sie stehen und erklärt, dass der Bach eine Grenze gewesen ist. Sie erklärt das Hin und Her der Grenzen, wie es dazu kam, dass Ostrach am Ende Hohenzollerisch wurde. Manchmal ist sie ein wenig einfältig, manchmal hat sie kluge Fragen.

Die Schlacht von Ostrach hat sie geprägt. Immer wieder erzählt sie davon. Am Kinderspielplatz war früher der Friedhof. Da sei sie sehr ungern, obwohl sie als Pfarrhauserin ja oft auf dem Friedhof sein müsse. 60 tote Soldaten habe man in ein Massengrab gelegt. „Ich denke immer, daheim wartet doch jemand auf die armen Kerle. Daheim wissen sie nicht, wo sie geblieben sind“, sagte sie. Es seien furchtbare Tage gewesen.

Pater verhandelt mit Offizieren

Aus dem Salemer Kloster sei Pater Wachter gekommen, um die Bevölkerung vor den Übergriffen der Soldaten zu schützen. Er habe auch Französisch können und habe mit den Offizieren verhandelt. Die Offiziere haben noch zu Pferd ein Gläsle Wein zusammen getrunken und ein paar Tage später habe die furchtbare Schlacht wenige Tage vor Ostern stattgefunden. Das könne sie gar nicht verstehen.

Auf dem Weg zum Amtshaus berichtete sie von einer schrecklichen Begegnung mit dem Schwarzen Vere. Sie habe zum Junghof-Bauer hinausgehen müssen, um für den Pfarrer eine Schwarzwurst zu holen. Sie habe zu lange mit der Junghof-Bäuerin geschwätzt, da sei es schon dunkel gewesen, als sie den weiten Heimweg angetreten ist. Plötzlich seien drei verwegene Gestalten aufgetaucht. Mit klopfendem Herz habe sie ihnen die Wurst gegeben, aus Angst um ihr Leben. Diese Geschichte habe sie noch nie jemandem erzählt. „Und ihr dürft sie auch nicht dem Pfarrer erzählen“, sagte sie sehr aufgeregt.

Vor dem Amtshaus berichtete sie detailliert, wie sich die französische Soldaten im Amtshaus aufgeführt haben, wie sie vor der Schlacht den Weinkeller leergetrunken und das Vieh gestohlen haben. Sie haben sogar nach Kaffee verlangt. Die Zerstörung am Amtshaus sei immens gewesen: 30 Kanonenkugeln haben es demoliert, aber die fleißigen Ostracher haben es bald wieder hergerichtet.

Die Führung war für die Teilnehmer sehr informativ, unterhaltsam und die Figur der Pfarrhauserin schön gespielt. Ulrike Moser bekam von ihren Zuhörern begeisterten Applaus.

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