Der Ortschronist hat Grund zum Feiern

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 Josef Unger sitzt noch täglich am PC, um E-Mails, Artikel oder Erinnerungen zu schreiben.
Josef Unger sitzt noch täglich am PC, um E-Mails, Artikel oder Erinnerungen zu schreiben. (Foto: Julia Freyda)

Bis heute geht Josef Unger als freier Mitarbeiter der „Schwäbischen Zeitung“ seiner Chronistenpflicht nach, besucht gerne Jubilare in der Gemeinde Ostrach für einen entsprechenden Artikel. Am Sonntag hatte er selber Grund zum Feiern: seinen 95. Geburtstag.

„Als ich geboren wurde, hat ein Ei mehrere Milliarden Reichsmark gekostet“, erinnert Unger sich schmunzelnd. Denn an seinem Geburtstag am 2. Dezember 1923 erreichte in Deutschland die Geldentwertung mit der sogenannten Hyperinflation ihren Höhepunkt. Dass er mehr als neun Jahrzehnte später im Kreise der Familie und engen Freunden sein hohes Alter feiern würde, hat er in seinem Leben nicht immer hoffen können. „Es ist eigentlich nicht normal, dass ich noch lebe. Vor allem im Krieg und in der Gefangenschaft bin ich dem Tod irgendwie immer wieder von der Schippe gesprungen“, sagt Unger.

Nach dem letzten Tag auf der Landwirtschaftsschule, dem 19. März 1942, erwartete den damals 18-Jährigen zu Hause der Gestellungsbefehl zur Flak-Scheinwerferersatzausbildung und später die Kriegsfront in Russland. Es war die Zeit als Stalingrad fiel und die deutsche Armee den Rückzug antrat. In Erinnerung an die brutale Kesselschlacht bei Halbe ist Unger klar, dass er einen Schutzengel oder einfach Glück gehabt haben muss. „Wenn es für mich normal gelaufen wäre, dann würde ich dort jetzt als einer von rund 26 000 auf dem Soldatenfriedhof liegen.“

Nach dem Kriegsende war Unger rund vier Jahre in Gefangenschaft. Er hat zunächst für die Russen eine Dynamitfabrik mit abgebaut, später als Zwangsarbeiter für Polen in einem Bergwerk arbeiten müssen. Wie so viele aus seiner Generation waren die Erlebnisse des Kriegs prägende Jahre. „Wenn ich nachts aufwache, dann bin ich in Gedanken noch immer im Bergwerk. So ganz werde ich das wohl nie los“, sagt Unger und ergänzt aber mit einem Schmunzeln: „Als Bergmann habe ich sozusagen auch ausgelernt. Immerhin habe ich überlebt und noch viel Schönes erleben können.“ Eine Perspektive, die der 95-Jährige sich langsam erarbeitet hat. Denn als er 1949 nach Dichtenhausen zurückkehrte, stimmte die Welt für ihn nicht mehr. „Die Zwangsarbeiterkluft hat mir besser gepasst als der Sonntagsanzug.“ Nur langsam hat er sich im oberschwäbischen Alltag eingewöhnt. 1957 heiratete er Anna Reisch, gemeinsam haben sie drei Kinder, mittlerweile sieben Enkel. Als der Bauernhof in Dichtenhausen 1991 nach einem Blitzschlag abbrannte, gab Unger den Betrieb auf. Nach schwerer Krankheit ist seine Frau im Februar 2017 verstorben.

Zahlreiche Ehrenämter hat Unger in den vergangenen Jahrzehnten übernommen. In den 1960er-Jahren begann die Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Étrechy. Unger war vom ersten Tag an dabei, führte 17 Jahre lang den Partnerschaftsverein als Vorsitzender. Ehrenämter hatte Unger zudem bei der katholischen Landjugend, dem Badischen landwirtschaftlichen Hauptverband, im Ortschafts- und Gemeinderat sowie vielen Vereinen. 2002 erhielt Unger für sein Engagement die Ostracher Bürgermedaille. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, Verantwortung übernehmen und mit anpacken zu müssen“, erinnert sich der 95-Jährige.

Mit den Erlebnissen und Erinnerungen von Josef Unger ließe sich locker ein Buch füllen. Seit 66 Jahren greift er selber zu Stift und Block, um für die Schwäbische und den Südkurier zu schreiben. Sein Wissen über die Menschen und das Geschehen in der Region hat er auch in mehreren Büchern festgehalten. Theologie wollte der Dichtenhausener eigentlich gerne studieren. Doch als einziger Sohn und Hoferbe kam das nicht infrage. Statt der Universität besuchte er daher mit gewissem Widerwillen die Landwirtschaftsschule, übernahm den Betrieb. „Ich mache heute niemandem einen Vorwurf, dass es anderes gekommen ist. Aber meinen Kindern habe ich in ihrer Entwicklung freien Lauf gelassen.“

Für seine Zukunft hofft Josef Unger, weiterhin gesund zu bleiben. „Ich bin noch recht fit. Aus all meinen Kindern ist etwas sehr Gutes geworden und die Enkel sind auf dem Weg dahin. Was will man mehr“, sagt der 95-Jährige. Herrgott und Schutzengel hätten ihn sein Leben lang begleitet und er glaube, dass sie es auch bis zu seinem Lebensende tun werden.

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