Schreie gellen aus dem Zelt des Medicus

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Schwäbische Zeitung
Doris Futterer

 - Wie in einer Zeitreise ist die Burg Wildenstein am vergangenen Wochenende in die Welt des Mittelalters versetzt worden. Die Jugendherberge Burg Wildenstein und der Verein der Hegauritter boten als Veranstalter in und um die Burg Wildenstein bei Leibertingen den passenden Rahmen, sich in die verschiedenen Lebensformen des Mittelalters einzufühlen.

Dieses Angebot wurde von verschiedenen Vereinen mit Mittelalterbezug genauso genutzt, wie von zahlreichen, oft weit angereisten Gästen. Sie bildeten ein Besuchervolk in fantasievoller, historischer Kleidung zusammen mit denen, die in moderner Funktionskleidung gekommen waren.

Ohne Feuer war in der damaligen Zeit kein Leben möglich. Deshalb schlängelte sich in der mittelalterlichen Zeltstadt vor der Burg viel weißer Rauch aus Feuerstellen unter den Zeltdächern hervor. Dort wurden die unterschiedlichsten Speisen vorbereitet oder Handwerker saßen bei ihrer Arbeit. Alles zum Leben Notwendige wurde damals in Handarbeit gefertigt, wobei sich die Handwerker gerne über die Schultern schauen ließen und bereitwillig ihre Techniken erklärten.

Wie unterschiedlich das Leben im Mittelalter ausgesehen haben könnte, ließ sich deshalb gut vergleichen, weil sich die Vereine in ihre stilvollen Schlafzimmer blicken und beim Mittagsmahl beobachten ließen. Die Ausstattung der Zelte variierte dabei von märchenhaft geschnitzten Möbeln mit bunten Teppichen und gestickter Tischwäsche bis zu völlig rustikal mit von Fellen ausstaffierten Schlafstätten.

Abschied von der Neuzeit

Die Kleidung der dazugehörenden Menschen demonstrierte den Status in der damaligen Gesellschaft. Die einen in Samt gekleidet und mit aufwendigem Kopfschmuck, die anderen in grobem Leinenstoff. Die teilnehmenden Vereine nutzen solche Wochenenden gerne, um sich nahezu komplett aus der Neuzeit zu verabschieden, denn auch die Nächte wurden in den Zelten verbracht. „Mit ein paar warmen Decken ist dies auch bei den jetzigen Temperaturen problemlos möglich“, wurde glaubhaft versichert.

Laute Schreie gellten aus dem Zelt des Medicus und eine Traube von Kindern scharte sich regelmäßig darum. Mit lebenden Blutegeln und einer großen Zange zum Zähneziehen wirkte er auf die Kinder aber nicht sehr vertrauenswürdig, zumal sich der im Zelt behandelte Patient in die Bewusstlosigkeit verabschiedet hatte. Im Heerlager wurde fleißig mit der Armbrust geübt und an anderer Stelle unterschiedliche Posen mit Helm und Schwert gezeigt. Die Fahnenschwinger aus Konstanz hatten eindrucksvoll fliegende Fahnen in einer Formation zur Musik des Fanfarenzugs Fridingen demonstriert. Kleine Buben versuchten danach, es ihnen gleichzutun. Mit einem neuen Seil von der Seilerei auf der Vorburg ließen sich die Schwünge in der Luft gut üben.

Gaukler, Harfenspieler und mittelalterliche Blasinstrumente vervollständigten den Eindruck, ins Mittelalter versetzt zu sein. Dazu trug auch das Umfeld der stolz über dem Donautal thronenden Burg Wildenstein bei. Enge, niedrige Gänge, fast senkrechte Steintreppen, ein geheimer Fluchtgang aus der Burg und ein tiefes Kerkerverließ zeigten, dass das Mittelalter vielleicht manchmal gruselig gewesen sein könnte.

Im Burggraben reihten sich derweil die Händler mit ihren Verkaufsständen aneinander und boten die notwendigen Dinge des Mittelalters feil. „Waffen aus Metall, garantiert kampftauglich“ befriedigten auch ganz neue Bedürfnisse, die es möglich machen, die Eindrücke dieses Wochenendes mit in den Alltag der kommenden Wochen hinüberzuretten.

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