Revue zu einer wechselvollen Geschichte

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 Die Franzosen werden als Befreier vom Nationalsozialismus begrüßt.
Die Franzosen werden als Befreier vom Nationalsozialismus begrüßt. (Foto: Fotos: Renate Deregowski)
Renate Deregowski

Mit viel Beifall haben die Zuschauer die Akteure vor und hinter den Kulissen des diesjährigen Sommertheaters am Freitag gefeiert. Stettener Laiendarsteller und Profis des Melchinger Theaters Lindenhof präsentierten nämlich die Premiere der Neuinszenierung von „Stetten – dem Himmel so nah“.

Das ursprüngliche gleichnamige Stück entstand im Vorfeld zum Jubiläumsjahr 1999. Stettener Laien und Melchinger Theaterprofis schlossen sich zusammen, um gemeinsam ein Stück zu erarbeiten, das sich der 1200-jährigen Gemeindegeschichte widmet. Zwanzig Jahre später war es an einem lauen Juliabend Zeit für die Neuinszenierung.

Die Besucherreihen waren voll besetzt im Schlosshof der Garnisonsgemeinde in „schwäbisch Sibierien“, in der in einem Juli weit, weit in der Vergangenheit „oine Goisa verfrora isch“. Über den Wahrheitsgehalt waren sich die fünf Männer am Stammtisch uneins – wie bei so vielem. Dieter Beck, Volker Beck, Hans-Peter Oßwald, Lorenz Braun und Johannes Unger motzten über die Musik der hinter ihnen spielenden Band, sorgten für Lacher und bildeten nicht nur einmal das verbindende Element zwischen verschiedenen zeitlichen, bedeutungsvollen wie örtlichen Ebenen.

Oben und unten sind eben solche. Da kommt etwa ein Wanderer mit Pilgerchor nach Stetten. Der Herrgott selbst sei er, der herabsteigt auf die Erde, behauptet er. Die Beziehung zwischen Göttlichem und Weltlichem spiegelt sich ebenso zwischen Pfarrer (Klaus-Dieter Halder) und seiner Hauserin (Martina Traut) wider. Mit lautem Lachen und Beifall bedachte das Publikum ihre Wortgefechte und die Enthüllung ihres gemeinsamen Geheimnisses.

Gleichermaßen zeigt das Stück das Verhältnis von Bürgern und Mächtigen. Äußerst lebendig und bunt präsentierten die Stettener ihre wechselhafte Geschichte. Württembergische wie badische Herren werden karikiert, die plündernden Schweden rasen durch die Szenerie, die Pest wütet und die Nazis richten eines der ersten Konzentrationslager ein. Nicht zu vergessen spielt das Militär bis in die Gegenwart eine entscheidende Rolle.

Der aufrührerische Johann Jakob Wilhelm (Marc Siber) und die ebenso rebellische Dohlen-Anne (Annika Gscheidle) bilden in dieser Zeitreise Konstanten, verfolgt von den beiden trotteligen Landjägern (Felix Graf und Daniel Burger). Beobachtet wird Stettens Entwicklung innerhalb einer Geschichtsstunde besonderer Art von einer Schulklasse, die mit ihrer Lehrerin (Christine Unger) immer wieder die Zeitebene ins Jetzt verschob. Der Schluss des Stücks öffnet eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive.

Fröhliche und bedrückende Momente im Stück

Die neue Auflage von „Stetten – dem Himmel so nah“ begeisterte mit fröhlichen wie bedrückenden Momenten. Genutzt wird das gesamte Areal, stellenweise auch darüber hinaus, wenn das Steinkreuz neben dem Rathaus angestrahlt wird. Bei aller Dynamik, die zwischen den Akteuren und innerhalb der Szenen herrscht, bleibt der Zuschauer nicht außen vor. Er wird direkt angesprochen und in einigen Szenen rückt das Geschehen ganz nah heran. Das Stück, bei dem die Zuschauer zwar Sitzfleisch mitbringen, aber nicht unbedingt eigene Kissen dafür, begeisterte das Publikum zur Premiere dermaßen, dass es sich zum Schlussapplaus von seinen Plätzen erhob. Bürgermeister Maik Lehn lobte Darsteller und Macher: „Ihr habt uns ein tolles Geschenk gemacht.“ Damit würdigte er gleichzeitig die viele Zeit, die sie vorab in das diesjährige Sommertheater investiert hatten.

„In den vergangenen drei Monaten haben viele Stettener in ihrer Freizeit nichts anderes getan, als hier auf dem Schlosshof zu proben,“ verriet Fritz Pfeiffer, Vorsitzender des Fördervereins „Attraktive Region Stetten akM.“.

Er dankte Irene Feuerstein für die Leitung der Nähstube und deren fleißige Näherinnen. Dank galt ebenfalls Claudia Mogg. Sie hatte die Produktionsleitung eigentlich an den Nagel hängen wollen. Der ein oder andere mögliche Nachfolger sei jedoch ausgemacht, sagte Lehn. Ähnlich sieht es bei Regisseur Stefan Hallmayer aus: Er nahm einen Strauß Sonnenblumen entgegen und beließ es bei einem freudigen und stillem Strahlen.

Weitere Aufführungen finden von Freitag bis Sonntag, 26. bis 28 Juli, sowie am Freitag und Samstag, 2. und 3. August, auf dem Schlosshof in Stetten statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

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