„Ich denke immer erst Rasterisch, bevor ich schreibe“

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„Ich denke immer erst Rasterisch, bevor ich schreibe“
„Ich denke immer erst Rasterisch, bevor ich schreibe“
Schwäbische Zeitung
Vera Romeu

Was Sprache vermag, was Heimat bedeutet – das hat der Schriftsteller Arnold Stadler in einer brillanten Hommage an seinen Lebensort Rast formuliert. Stadler inventarisiert und beklagt die Veränderungen. Er beschwört die Muße der Erinnerung herauf, um aus der Vergangenheit eine zweite Gegenwart zu machen. Im Rasterischen Dialekt, da erhält sich noch diese Welt, da fühlt sich der Schriftsteller zutiefst daheim: „Ich denke immer erst Rasterisch, bevor ich auf Hochdeutsch beginne zu schreiben“, erklärte der Autor. Die Muttersprache ist das Höchste, was ein Schriftsteller hat, und nicht nur der Schriftsteller. Stadler hielt aus Leidenschaft einen ganzen Teil seiner Hommage in diesem so geliebten und einzigartigen Rasterisch. Wie ein roter Faden zog sich durch den Abend die eindringliche Verteidigung der Muttersprache.

Höhepunkt des Literaturjahrs

Im vollen Bürgerhaus erlebten die Raster Zuhörer ihre Sternstunde. Was Stadler vortrug, betraf sie zutiefst: Es war ihre Prägung, ihr Bewusstsein, ihr Lebensgefühl, das der Schriftsteller in Ehernes gegossen hatte. Kreisarchivar Edwin E. Weber steuerte in Zahlen und Beschreibungen Wesentliches über die historische Entwicklung des Ortes bei und Adolf Boos seine Sammlung alter Fotografien. So entstand ein facettenreiches Portrait Rasts. Die Verknüpfung machte den Abend zum absoluten Höhepunkt des Literaturjahrs im Landkreis und war zugleich der Abschluss.

Bis in die Neuzeit war Rast ein von der Landwirtschaft geprägtes Dorf, so Weber. Über Generationen war die Raster Gesellschaft in zwei Klassen geteilt, die aufeinander aber angewiesen waren: die Großbauern und die Taglöhner. Im 18. Jahrhundert bewirtschafteten 16 Groß- und Mittelbauern 90 Prozent der Felder und Wiesen. Dafür brauchten sie die Taglöhner als saisonale Hilfskräfte. Die Taglöhner hielten sich als Ziegenbauern mühsam über Wasser. Im 19. Jahrhundert veränderte sich einiges. Es fielen die Feudalrechte, die gemeinschaftliche Brache wurde abgeschafft, 48 bäuerliche Grundbesitzer beschlossen eine Flurbereinigung. Armut blieb aber für viele Taglöhner das fast unausweichliche Schicksal. Kinder gingen statt zur Schule zum Betteln. Familien versuchten der Armut zu entgehen und wanderten nach Patagonien aus.

Stadler ist in der ländlichen Welt, die von der Globalisierungskelter verschluckt wurde, aufgewachsen. 1982 reiste er durch China: Hier sieht er viele Leute auf den Feldern arbeiten, wie damals in seiner Kindheit auf den Raster Fluren. Es kam „Langweil“ in ihm auf, was auf Hochdeutsch soviel wie „Heimweh“ bedeutet, nach der untergegangenen Welt.

Rast war Welt, eine Welt, die durch die Eisenbahn an die große Welt angeschlossen war. „Provinz gibt es nicht, es gibt nur Welt. Die Raster waren ganz auf der Welt, auch wenn sie nie in New York oder am Meer waren“, las Stadler. Er sei froh, in dieses ganz unverwechselbare Rasterische hineingeboren worden zu sein. Und wie Marion Gräfin Dönhoff vermisst auch er diese Worte, die er nie wieder gesprochen hören wird. Worte für Geräte, die es nicht mehr gibt, und die Namen derer, die niemals aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Und er blickte auf die Vertriebenen aus Ostpreußen, die nach Rast kamen: „Sprache war alles, was sie aus ihrer alten Heimat mitbrachten.“

Stadler klagte die Verdrängung des Rasterischen durch das Hochdeutsch an: Besorgte Mütter und Kindergärtnerinnen treiben die vermeintlich falsche Sprache aus. „Man sollte beides können: richtig Rasterisch und richtig Hochdeutsch“, forderte Stadler. Landschaft, Dorf und Menschen haben sich verändert, nur noch die Sprache vermag die Essenz der „Hoimet“ zu erhalten, sagte er.

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