„Eine Luchsbegegnung ist wie ein Sechser im Lotto“

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Mit einem Vortrag hat Donautal-Guide Armin Hafner am Sonntagmorgen am Luchs-Info-Point bei Burg Wildenstein um Akzeptanz für die
Mit einem Vortrag hat Donautal-Guide Armin Hafner am Sonntagmorgen am Luchs-Info-Point bei Burg Wildenstein um Akzeptanz für die Tiere geworben. (Foto: Kornelia Hörburger)
Kornelia Hörburger

Auf leisen Pfoten sind „Friedl“, „Tello“ und „Lias“ ins Donautal geschlichen. Dabei hat die Rückkehr der Raubkatzen mit den Pinselohren nach mehr als 100 Jahren unterschiedliche Emotionen geweckt. Während sie bei Weidetierhaltern und Jägern Sorge um die eigenen Tiere auslöst, sehen andere die eleganten Katzen als Sympathieträger und als Bereicherung der heimischen Fauna.

Mit einem Vortrag hat Donautal-Guide Armin Hafner am Sonntagmorgen am Luchs-Info-Point bei Burg Wildenstein um Akzeptanz für die Tiere geworben. Hafner ist gebürtiger Leibertinger, Mitarbeiter im Naturpark Obere Donau, Naturschutzwart, Falkner und erfahrener Jäger. Und er sichtete auch 2005 beim Ansitzen den ersten „Donautal-Luchs“: „Da lief ein Tier an mir vorbei, das es eigentlich seit 100 Jahren hier nicht mehr gibt.“

100 Luchse in Deutschland

Seither begleitet er die Rückkehr des „seltensten Säugetiers in Deutschland“ ins Donautal. Etwa 100 in Deutschland lebenden Luchsen steht laut Hafner eine geschätzte Population von 1000 Wölfen gegenüber. Als Luchsbeauftragter ist Hafner Ansprechpartner für alle Sichtungen, und auch für die Begutachtung eventuell gerissener Tiere in unserer Gegend. Insgesamt fünf „Kuder“, Luchsmännchen, sind seit 2005 im Donautal durch Sichtungen und Fotofallen nachgewiesen worden.

Alle sind ohne menschliches Zutun über den Schwarzwald aus der Schweiz zugewandert. Sie finden im Donautal ähnliche Felslandschaften und Beutetiere wie in ihrer Heimat, dem Schweizer Jura und den Alpen. Seit Januar lebt „Lias“ in der Region. Er wurde bei Genf geboren und ist laut Hafner „ein richtiger Brocken von Luchs“ mit mehr als 20 Kilogramm. Seit Anfang 2019 dokumentieren GPS-Daten aus seinem Senderhalsband auch Lias‘ weiter entfernte Ausflugsziele:

Er war schon unterwegs in Richtung Tuttlingen, lagerte einmal auf dem Daimler-Gelände in Immendingen, und machte im März in der Paarungszeit, der „Ranz“, über Geisingen und Randen einen Kurzbesuch in der Schweiz. „Eine Begegnung mit einem Luchs ist wie ein Sechser im Lotto“, betont Hafner. Statt zu flüchten sprängen die Tiere eher zur Seite, um, perfekt getarnt, Menschen einfach passieren zu lassen. Fünf Gämse und 19 Rehe gehen laut Hafner gesichert auf Lias‘ Konto. In freier Wildbahn kehrt der Luchs bis zu einer Woche lang zu seinem „Riss“ zurück, um zu fressen – wenn nicht Füchse oder Wildschweine ihm zuvorkämen.

Presse erhielt Lias im vergangenen Herbst für seinen Einbruch ins Damwildgehege bei Schloss Werenwag. Dort tötete er vier Tiere. Vom Begriff „Blutrausch“ hält Hafner nichts. „In freier Wildbahn reißt ein Luchs ein Tier, und alle anderen fliehen. In einer Koppel geht das nicht. Es ist ein normales, instinktives Verhalten: Wenn Raubtiere die Möglichkeit haben, Beute zu machen, tun sie das und jagen so lange, bis sie keine Kraft mehr haben.“ 60 bis 70 Rehe, ab und zu einen Hasen oder einen Fuchs – das braucht ein Luchs laut Hafner pro Jahr.

Wildkamera dokumentiert Wolf

Die Donautal-Luchse halten sich bisher an Wildtiere. Bis auf „Friedl“, der als erster Luchs mit Sender von September 2015 bis April 2017 in der Region lebte. Er hat als bisher einziger Luchs im Baden-Württemberg Schafe und Ziegen gerissen. „Die Tierhalter werden zwar entschädigt, aber die Emotionen kochen verständlicherweise hoch. 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, sagt Hafner, selbst über die neuen Elektronetze bei Schloss Werenwag. Bisher sind nur „Kuder“ im Donautal angekommen. „Die Mädels wandern nicht“, erklärt Hafner. Für eine neue Population müsste ein Weibchen ausgesetzt werden: „Das wäre eine politische Entscheidung.“ Zudem wäre das Platzangebot im Donautal beschränkt, denn die Tiere brauchen ein großes Revier.

Ein anderes Raubtier ist beim Luchs-Monitoring dokumentiert worden: Im Februar 2018 und im Mai 2019 zeigten die Wildkameras jeweils einen Wolf. „Ich habe schon lange mit dem Wolf im Donautal gerechnet“, sagt Hafner. Bisher wisse man nichts über ihn, nur dass er da war.

Info:

Der Luchs-Info-Point bei Burg Wildenstein wurde 2017 als Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde Leibertingen, des Naturparks Obere Donau und des WWF eingerichtet. Besucher finden dort Informationen über die fünf bisher in der Region nachgewiesenen Luchse: den „Donautal-Luchs“ (2005); den „Immendinger“ oder „Mauenheimer“ Luchs (Juni bis September 2017), die besenderten Luchse „Friedl“ (2015 bis 2017) „Tello“ (2016 / 2017) und „Lias“ (Januar 2018 bis heute).

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