Ein Glas Wasser hilft durch 70 Jahre Ehe

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 Bürgermeister Maik Lehn (links) beglückwünscht Emma und Langenus Litzinger zu ihrem außergewöhnlich langen gemeinsamen Lebenswe
Bürgermeister Maik Lehn (links) beglückwünscht Emma und Langenus Litzinger zu ihrem außergewöhnlich langen gemeinsamen Lebensweg. (Foto: Susanne Grimm)
Susanne Grimm

Das Ehepaar Emma und Langenus Litzinger aus Stetten am kalten Markt hat am Donnerstag das Fest der Gnadenhochzeit feiern können. Im Kreise der Familie konnten die rüstigen Eheleute auf 70 Jahre zurückblicken, die sie zwangsweise um die halbe Welt führten, bis sie schließlich vor 20 Jahren in der Heuberggemeinde eine neue Heimat fanden.

Viele Gratulanten aus Verwandtschaft und Nachbarschaft beglückwünschten das Jubelpaar zu diesem selten gewordenen langen gemeinsamen Lebensweg. Bürgermeister Maik Lehn ließ es sich nicht nehmen, dem Paar die besten Wünsche der Gemeinde samt Präsent und Blumenstrauß sowie die Urkunden von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landrätin Stefanie Bürkle zu überbringen.

Seit zwei Jahrzehnten bewohnen die Litzingers mit Tochter Maria Krüger ein Reihenhäuschen in Stetten. Dieser Einzug bedeutete für das Ehepaar den Eintritt in eine neue Welt, denn ihr Schicksal als „Volksdeutsche“ in der ehemaligen Sowjetunion war alles andere als einfach. Ehefrau Emma wurde 1926 im Dorf „Elsass“ und ihr Ehemann im Dorf „Baden“ geboren. Die ehemalige deutsche Kolonie in der heutigen Ukraine nahe Odessa am Schwarzen Meer war bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Heimat.

Danach sind die deutschstämmigen Bewohner der Dörfer von russischen Truppen in den Ural verschleppt und dort zwangsweise angesiedelt worden, wie Langenus Litzinger erzählte.

In der Stadt Krasnokamsk im Ural hat er seine Frau auf einer Tanzveranstaltung kennengelernt. 1949 haben die beiden dort geheiratet und im Laufe der Zeit drei Kinder – Maria, Franz und Johannes – bekommen. Emma und Langenus Litzinger haben in Krasnokamsk 45 Jahre lang gearbeitet; sie als Näherin und er als Zimmermann.

Beide berichten, dass sie aufgrund ihrer Herkunft und dem Aufwachsen in deutschen Dörfern erst in der Schule Russisch gelernt haben. „Heute sprechen wir drei Sprachen“, sagte Emma Litzinger, „Ukrainisch, Russisch und Altschwäbisch“. „Wir sind Schwaben“, betonte ihr Mann, denn ihre Vorfahren kamen aus dem Schwäbischen.

Dieser alte schwäbische Dialekt ist in den deutschen Dorfgemeinschaften in der Ukraine und später auch in ihrer russischen Bleibe gesprochen worden. Allerdings nur in der Familie, denn nach dem Krieg war es den Deutschstämmigen verboten, deutsch zu sprechen. Jedenfalls haben die Litzingers den altschwäbischen Dialekt nie verloren und mit ihrem Zuzug in ihre „Urheimat“ wieder mit nach Deutschland beziehungsweise ins Ländle gebracht.

„Wie kann man es mit einem Partner 70 Jahre lang aushalten?“ Die berechtigte Frage beantwortete die 93-Jährige mit einem Schmunzeln: „Bevor man irgendetwas Verletzendes sagt, nimmt man einen Schluck Wasser in den Mund, denn dann kann nichts Gemeines mehr raus. Später schluckt man das Wasser samt Ärger hinunter“. Reden könne man immer noch, wenn der schlimmste Zorn verflogen ist. Wenn das beide abwechselnd beherzigten, klappe das mit dem langen Zusammenleben.

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