Die größte Privatbibliothek Süddeutschlands

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 Auch ein Foto für das heimische Album darf nicht fehlen.
Auch ein Foto für das heimische Album darf nicht fehlen. (Foto: Vera Romeu)
Vera Romeu

Die Schwäbische Zeitung öffnet in ihrer Sommer-Serie für ihre Leser Türen von Gebäuden im Verbreitungsgebiet, die sonst nicht für jeden offenstehen. Eine ganz besondere Tür war die der Erzabtei Sankt Martin in Beuron. Die Klostertür wurde von Pater Sebastian Haas-Sigel OSB für eine große Gruppe von fast 30 Personen geöffnet.

Der Pater freute sich über die große Resonanz auf die Einladung. Es zeige doch, dass die Erzabtei immer noch von vielen Menschen wahrgenommen werde und in die Landschaft hinausstrahle. Ein Besucher lobte die Führung durch das Kloster: „Man fährt immer dran vorbei und jetzt war Gelegenheit, mal hineinzuschauen“, sagte der Besucher begeistert und dankte der SZ für die gute Idee. „Ich nehme mir Zeit für diese Serie und war schon auf Schloss Gutenstein dabei“, berichtete eine Besucherin.

Pater Sebastian führte die Gruppe von der Pforte zu einem Modell des Klosters und machte bewusst, wie viele und unterschiedliche Gebäude es waren und noch sind. Kirche, Gastflügel, Bibliothek, Werkstätten der Schneiderei, Polsterei, Schusterei, der Kunstverlag, der Hof, die Umspannstation des E-Werks und mehr. Nicht mehr alles ist im Betrieb, doch die Gebäude müssen baulich erhalten werden.

Dann ging es zum Festsaal. Der Gang durch den langen Flur hatte etwas Erhabenes. Die Atmosphäre im Festsaal, der um 1900 gebaut worden ist, war sehr feierlich. Dort gebe es Konzerte, Versammlungen und Feste, berichtete Pater Sebastian. Er stellte die Erzabtei und die Benediktinergemeinschaft mit einer spannenden Bildpräsentation vor. Dort sah man, wie der Tag eines Benediktiners strukturiert ist. Fünf Mal betet die Gemeinschaft zusammen. Es gibt Zeiten des Rückzugs und der Stille. Jeder geht einer Aufgabe nach und arbeitet in der Seelsorge, im Garten, in der Bibliothek, in der Verwaltung, in der Pflege der älteren Mitbrüder, an der Pforte. Die Mahlzeiten werden gemeinsam und schweigend eingenommen; einer liest aus einem Buch vor. Es gibt auch eine Zeit der Erholung. Die Komplet ist das Nachtgebet der Benediktinergemeinschaft und beendet den Tag.

Die Mönche betreuen Gäste. Es kommen viele und verbringen ein paar Tage im Gästeflügel des Klosters. Sie ziehen sich zurück, um nachzudenken, um Urlaub zu machen oder eine wissenschaftliche Arbeit in der Stille zu schreiben. Sie nehmen am klösterlichen Tageslauf der Gebetszeiten teil und werden seelsorgerisch begleitet.

Ein Gang führt auch durch die Klausur

Pater Sebastian öffnete für die Leser der SZ Türen, die für Außenstehende nur ganz selten geöffnet werden. Er führte die Gruppe durch die Klausur. Es ging durch den sehr schön und schlicht angelegten Mariengarten und in den neuen Lesesaal der Bibliothek hinauf. Die Erzabtei ist mit 450 000 Büchern die größte Privatbibliothek Süddeutschlands. Sie wird auch von Leuten, die von außen kommen, wie Heimatforscher zum Beispiel oder von Gästen, die eine theologische oder philosophische Arbeit schreiben, genutzt.

Früher wurden hier die angehenden Benediktiner in Theologie unterrichtet. Mönche waren Lehrkräfte und belebten die Beuroner Hochschule, die 1968 geschlossen wurde. Inzwischen schrumpfen auch die Benediktinergemeinschaften. Es treten immer weniger junge Leute in den Orden ein. Da stelle sich für die Gemeinschaft die Frage, wie mit der Bibliothek weitergemacht werden soll: Soll sie weiter ausgebaut werden? Sie ist ein Kulturgut, das gepflegt werden muss, doch kostet sie auch Geld.

Eine weitere bekannte Institution ist der Kunstverlag. Die Druckerei wurde eingestellt; sie ließ sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben. Das weltberühmte Vetus-Latina-Institut hat zwar noch seinen Sitz in der Erzabtei, die Forscher arbeiten heute aber an Universitäten, berichtete Pater Sebastian. Die Vetus-Latina ist die älteste lateinische Bibelübersetzung, die durch die erste Einheitsbibel des heiligen Hieronymus verdrängt wurde. Seit dem 18. Jahrhundert sind Forscher auf der Suche nach Zitaten in alten Kirchentexten, um den ursprünglichen Text wiederherzustellen. In der Erzabtei lagern rund 500 000 gefundene Zitate. Pater Sebastian machte damit die große geistliche und intellektuelle Geschichte der Erzabtei bewusst.

Dann führte er die Gruppe durch einen lichtdurchfluteten Flur zur Kirche. Auch hier war Klausurbereich. „Gehen Sie zügig und leise durch diesen Flur, um niemanden zu stören“, sagte er. Es war beeindruckend, diese klösterliche Stille zu erleben. In der Kirche erklärte der Pater den Stil der Beuroner Kunstschule, die sich in der Erzabtei am Ende des 19. Jahrhunderts mit Peter Lenz, der als Pater Desiderius in den Orden eintrat, gegründet hatte. In der Gnadenkapelle zeigte er die Kunstwerke. „Maß, Symmetrie und Ordnung herrschen in diesen Kunstwerken. Sie sind das Ideal der Beuroner Künstler“, erklärte Pater Sebastian. Er schloss seine Führung mit guten Segenswünschen für alle. Die beeindruckte Gruppe gab langen Applaus. Eine Leserin sagte mit Begeisterung: „In diese Räume kommt man ja nie rein. Diese Erzabtei, die wir hier haben, ist großartig. Was man kennt, schützt und pflegt man für die Zukunft.“

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