Der Pianist kann ein Orchester ersetzen

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 Der Kreutzer Chor und Solisten tragen eine selten gegebene Komposition von Robert Schumann vor.
Der Kreutzer Chor und Solisten tragen eine selten gegebene Komposition von Robert Schumann vor. (Foto: Barbara Renner)
Hans-Hinrich Renner

Von Robert Schumann gibt es nach wie vor viel zu entdecken. Nur zehn bis 20 Prozent seiner Stücke haben sich im Standardrepertoire des Klassikbetriebs etabliert. Eines der vernachlässigten Werke ist sein in Leipzig uraufgeführtes „weltliches Oratorium“ op. 50: „Das Paradies und die Peri“ (er selbst bevorzugte den Ausdruck „Dichtung“). Der Stoff basiert auf einem Versepos des irischen Dichters Thomas Moore, das Robert Schumann schon zu Jugendzeiten gekannt haben dürfte.

Eine „Peri“, ein feenähnliches Wesen aus der persischen Mythologie, bittet um Aufnahme ins Paradies. Hierfür bringt sie drei Geschenke: den letzten Blutstropfen eines heldenhaften Kriegers, den letzten Seufzer eines um den Geliebten trauernden Mädchens und zum Schluss die Träne eines reuigen Sünders.

Erst das letzte Geschenk wird akzeptiert. Aufopferung, Liebe, Reue, überhaupt das Wandeln zwischen Realität und Traum, die Vorliebe für exotische Schauplätze sind Kerngedanken der Romantik und passen zum Zeitgefühl des 19. Jahrhunderts, sodass dieses Werk zu Lebzeiten des Komponisten zu den meistgespielten gehörte.

In unserer Zeit haben dagegen erst einige Wiederaufführungen namhafter Orchester in den 2000er Jahren „Das Paradies und die Peri“ wieder ins Blickfeld der Aufmerksamkeit gerückt.

Kompositorische Neuerungen in melodischen Beziehungen

Schumann schafft hier etwas ganz Neues: Die einzelnen Nummern der drei Teile werden mit feinen Zwischenspielen verbunden, die Rezitative erhalten eine hohe melodische Wertigkeit und fügen sich nahtlos in den dramatischen Zusammenhang ein. Querverbindungen und Ähnlichkeiten der Motive schaffen melodische Beziehungen.

So entsteht denn daraus ein geglücktes Werk von großer innerer Geschlossenheit und innig-lyrischem, teils aber auch dramatischem Ausdruck.

Aufgeführt im Rittersaal des Meßkircher Schlosses, zeigten sowohl der Kreutzer-Chor als auch die Feldkircher Gesangs-Solisten um Professor Clemens Morgenthaler eine sehr gute Leistung. Chor und Solisten wechselten fließend zwischen Doppelchörigkeit, Solistenchor und Arien.

Theresa Gauss als „Jungfrau“, mit schlanker Tongebung, Blanca-Esther Moreno, „die Peri“, mit lebendigen bisweilen überbordenden Koloraturen und Morgenthalers raumfüllender Bass entwickelten die Stimmung der märchenhaften Handlung. Mezzosopranistin Anna Welte sang im Terzett mit ihren „Peri Schwestern“ oder im Dialog mit dem „Jüngling“ Jonas C. Bruder. Er meisterte trotz Grippe Moors schwebende Verse in den Tenorarien: „Schön in der Trän ist Zaubermacht“ heißt es am Ende des zweiten Teils.

Das größte Lob gilt aber dem Pianisten des Abends, der hier den ganzen Orchesterpart übernahm. Die durchkomponierte Struktur brachte es mit sich, dass Jürgen Jakob praktisch ohne Unterbrechung spielen musste. Hier den Ausdrucksgehalt jeder Szene, jedes Zwischenspiels zu erfassen, nicht zu ermüden, im Zusammenspiel mit Chor und Solisten sowie in technischer Hinsicht kaum eine Unsicherheit zu zeigen, war beeindruckend.

Ein erfüllendes Konzerterlebnis in dem mit 240 Plätzen vollbesetzten Saal, das neugierig gemacht hat sowohl auf die Orchesterfassung dieses Werkes als auch auf die übrigen unbekannteren Chorwerke Robert Schumanns.

Dank an alle Beteiligten, besonders auch dem Dirigenten Franz Raml für diese außergewöhnliche und geglückte Werkauswahl für ein Chor-Konzert.

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