Der erste Stolperstein auf militärischem Gelände

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Susanne Grimm

Der Künstler Gunter Demnig hat am Samstag im Kasernenbereich Lager Heuberg für den dort von den Nationalsozialisten ermordeten Salomon Leibowitsch einen Stolperstein gesetzt. Vor einem kleinen Kreis geladener Gäste brachte der Künstler den Stein an – zum ersten Mal überhaupt auf militärischem Gelände.

Der Kommandant des Truppenübungsplatzes Heuberg, Oberstleutnant Udo Eckbrett, auf dessen Einladung der Künstler des dezentralen Mahnmals gekommen ist, unterstrich die Bedeutung dieses Akts in mehrfacher Hinsicht. Zum einen soll mit diesem Mahnmal der sinnlose Tod des so grausam Ermordeten immer daran erinnern, dass Herkunft, Glaube und Überzeugung eines Menschen niemals die Rechtfertigung für dessen „Auslöschung“ sein dürfen und zum anderen: „Dieser Stein soll deutlich machen: Wir, die Bundeswehr, haben keinen Platz für rechtsradikales Gedankengut!“, so Eckbrett. Er gab den Anwesenden einen kurzen Einblick in das Leben des 1885 in der Ukraine geborenen Salomon Leibowitsch, der am 9. September 1933 an den Folgen der Folterungen im Gebäude 21 des Lagers Heuberg verstarb.

Vor diesem Gebäude fügte Demnig den Erinnerungsstein Leibowitschs in den durch über 100 Jahre militärisch genutzten und dadurch steinhart verdichteten Boden ein. Über 70 000 der patentrechtlich geschützten Stolpersteine hat Demnig bereits europaweit verlegt, wobei jede Geschichte der auf diese Weise Gewürdigten neue und oft total unbekannte Aspekte der NS-Vergangenheit zutage gefördert haben, so der Künstler, der mit diesem Projekt 1992 begonnen hat. „Ich hatte nie geglaubt, dass das derartige Kreise ziehen würde“, erzählte Demnig, „mittlerweile sind die Stolpersteine zu meinem Lebenswerk geworden“. Rund 53 000 Steine sind in deutschen Städten und Gemeinden gesetzt worden, der Rest in Russland und 25 weiteren Ländern Europas.

Der 1947 in Berlin geborene Künstler hat rund 95 Prozent der bisher platzierten Steine selbst gesetzt, jedoch können pro Monat maximal 440 Steine hergestellt und verlegt werden. Er habe sich bewusst für das Individualkonzept entschieden, denn die Nazis haben Menschen in Massen ermordet, er wolle keine Massenverlegung, um der damaligen Massenvernichtung etwas entgegenzusetzen. Deswegen sei die Verlegung keine Routine, jedes Schicksal bewegt „und soll bewegen“.

75000. Stolperstein wird im Dezember gesetzt

So glich auch das Setzen des Steins einem bewussten Ritual, das Demnig mit Sorgfalt und ruhiger Kraft, gleichsam als würdevolle Beerdigung, vollzog. In einem Gespräch berichtete er, dass er den 75 000. Stein am 29. Dezember in Memmingen verlegen wird, und zwar „vor dem Haus des dortigen AfD-Vorsitzenden“. Und das Gute daran sei, „er kann sich nicht dagegen wehren“. Das sagte Demnig ohne jede Häme, denn er war ganz fokussiert auf jene Person, der er mit dem Stein seine Persönlichkeit und Würde zurückgeben will, unabhängig davon, wer heute in dem Haus des damals gewaltsam zu Tode Gekommenen wohnt.

Udo Eckbrett verwies auf den Leiter der Militärgeschichtlichen Sammlung, die in der ehemaligen kaiserlichen Offiziersspeiseanstalt angesiedelt ist. Markus Klotz sei in seiner Eigenschaft als Museumsleiter und profunder Kenner der regionalen Militärhistorie auf die Geschichte Leibowitschs gestoßen, dessen Schicksal im Gegensatz zu denen der allermeisten Ermordeten schriftlich festgehalten worden ist. Für ihn, Eckbrett, sei dann klar gewesen, dass diese Schreckensgeschichte mit dem Setzen des Stolpersteins ein würdiges Ende und mit der Erinnerung an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben, einen neuen Anfang finden soll.

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