Wer in die Informatik-AG ging, galt als Emanze

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Abstraktes, logisches Denken – das ist es, was Christine Reck reizt. Deshalb hat sie sich Ende er 1980er-Jahre am Gymnasium Mengen für die Leistungskurse Mathe und Physik entschieden und genau deshalb macht ihr die Arbeit als Professorin für Informatik an der Hochschule Heilbronn noch genauso viel Spaß wie am ersten Tag. „Mein Fach ist immer in Bewegung und ich muss immer dranbleiben und bei allen Veränderungen auf dem neusten Stand bleiben“, sagt die 49-Jährige. „Aber ich schätze das sehr, ständige Wiederholung des gleichen Lehrstoffes wäre mir viel zu langweilig.“

Christine Reck gehört dem Mengener Abiturjahrgang 1988 an. „Damals hat niemand, den ich kannte, zuhause einen Computer gehabt und Internet war noch nicht verbreitet“, sagt sie. Informatik sei ein sehr junges Studienfach gewesen, von dem noch nicht abzusehen gewesen sei, wie zukunftsträchtig es einmal sein würde. Trotzdem ist Recks Wahl auf dieses Fach gefallen. „Am Gymnasium hatten wir einen Commodore 64, mit dem habe ich in einer Informatik-AG eine Programmiersprache gelernt, das hat mir Spaß gemacht“, sagt sie. Dass sie und das einzige weitere Mädchen in der AG dafür von Mitschülern für Emanzen gehalten wurden, hätte sie erst verstanden, als das jemand neben ihre Namen auf die Teilnehmerliste gekritzelt hatte, die an der Tür zum Computerraum hing.

„Das hat mir aber nichts ausgemacht, auch im Studium nicht“, sagt Christine Reck. „Wir waren zwar nur wenige Frauen, aber die Informatiker sind ein nettes Völkchen und ich habe mich immer sehr gut mit den männlichen Studenten verstanden. Das ist im Maschinenbau anders. Dort begegnet man sich nicht nur auf der Ebene des abstrakten Denkens, sondern eben auch an Maschinen und in Werkshallen.“ Da sie auf der geistigen Ebene stets habe mithalten können, hätte sie keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Ihre Eltern hätten damals nicht ganz verstanden, was Reck da an der Universität in Karlsruhe studierte. „Aber sie haben sich nicht eingemischt, höchstens viele Fragen gestellt“, sagt sie. „Da hab ich ihnen einen Duden für Informatik geschenkt.“ Auch heute sei es noch so, dass sich viele Menschen das Arbeitsfeld von Christine Reck nicht gut vorstellen können. „Die meisten denken, dass man PC-Service macht und jeder Privatperson mal kurz den Computer oder den Drucker reparieren kann“; sagt sie lachend.

Dass sie ein Jahr lang in Atlanta in den USA studiert hat und mit einem Master of Science in Information and Computer Science zurückgekommen ist, hat ihr bei der Suche nach einem Arbeitsplatz nach ihrer Diplomprüfung und anschließender Promotion geholfen. So arbeitete sie zunächst in der Entwicklungsabteilung des größten europäischen Softwareherstellers SAP und war dann als Global Roll-out Managerin dafür verantwortlich, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen. „Dabei ging es vor allem darum, beratenden Partnerunternehmen zu vermitteln, welchen Mehrwert die Kunden durch die neue Lösung haben.“

Auch im Produktmanagement, in dem sie dann zwei Jahre für SAP arbeitete, ging es vor allem um Kommunikation und Kontakte zwischen Kunden und Produktentwicklung. „Was braucht ein Kunde, was kann die Entwicklung leisten und wie teuer wird das Ganze?“ Dabei sei ihr technisches Verständnis als Informatikerin ein klarer Vorteil gewesen. „Die Akzeptanz auf beiden Seiten ist einfach höher, wenn man weiß, wovon man spricht“, sagt sie.

Platz für Familienplanung

Obwohl ihr diese Arbeit riesigen Spaß gemacht hat, entschied sie sich 2001 für eine Veränderung. „Bei SAP bin ich viel gereist und habe viel Zeit im Ausland verbracht“, sagt sie. „Aber für die Familienplanung war das ja eher ungünstig.“ Aber als Professorin an einer Hochschule? Das wäre eher denkbar. Eine einzige Bewerbung schickte Christine Reck ab. An die Hochschule Heilbronn, an der sie heute noch lehrt. „Da wurde jemand gesucht, der sich mit der betrieblichen Seite der Informatik auskennt“, sagt sie. „Ich hatte mit meinen Erfahrungen bei SAP genau den richtigen Background.“

Bedenken, dass die Hochschullehre nichts für sie sein könnte, hatte sie keine. „Ich habe als Studentin Tutorien gehalten und immer das Feedback erhalten, dass ich auch Pflichtstoff gut erklären kann“, sagt sie. Sowohl am Gymnasium in Mengen als auch in den USA habe sie gute Erfahrungen mit dem Lernen in kleinen Gruppen gemacht. „Es ist so wertvoll, wenn man als Student in die Sprechstunde eines Professors kommen und ihn nach etwas fragen kann, das man in der Vorlesung nicht verstanden hat“, sagt sie. „An Unis mit zig Hundert Studienanfängern geht das natürlich nicht.“ In Heilbronn sei es auch eher familiärer. „Ich lehre im Hauptstudium, da bestehen die Gruppen meist aus 25 Studierenden.“

Ihren Schwerpunkt hat Reck im Bereich IT-Management und Beratung. Zieht es Studentinnen eher in diese Richtung. „Das ist ein Bereich, der Frauen vielleicht ein wenig mehr interessiert, weil man näher am Kunden ist und gemeinsam Prozesse und Möglichkeiten erfasst“, sagt sie. „Aber auch Männer interessieren sich dafür, weil man in diesen Jobs viel unterwegs ist und gutes Geld verdienen kann.“ Außerdem leitet Reck das Praktikantenamt, das die Stellen für Praxissemester der Studenten überprüft und Kontakt zu den Unternehmen hält.

Der Sohn von Christine Reck ist übrigens 2003 gekommen, bevor sie 2004 zur Professorin auf Lebenszeit ernannt und verbeamtet wurde. „Ich war sogar Gründungsmitglied in einem Verein, der sich an der Hochschule um die Betreuung von Kindern unter drei Jahren gekümmert hat“, erzählt sie. 2003 habe es noch keine U3-Betreuung im Kindergarten gegeben, der einzige Ganztagskindergarten hätte lange Wartelisten gehabt. „Es war nicht einfach, in der Hochschule vernünftige Räume zu bekommen und das Betreuungspersonal zu bezahlen“, erinnert sie sich. Hauptsächlich hätte sich das Angebot an Studierende gerichtet, aber auch die Kinder von Mitarbeitern der Hochschule seien betreut worden. „Wir haben natürlich einen anderen Tarif gezahlt, aber ohne hätte ich das nicht geschafft.“ Heute werde die Betreuung ganz offiziell vom Studierendenwerk Heidelberg organisiert.

Wohnort ist ein Kompromiss

Mit ihrem Mann und ihrem 15-jährigen Sohn, der sich momentan mehr für das Schulfach Natur und Technik und das Fotografieren interessiert, lebt Christine Reck in Bad Rappenau. „Da ist es eher beschaulich und vielleicht nicht die erste Wahl“, lenkt sie ein. Weil aber ihr Mann als Informatiker bei SAP nach Walldorf pendeln müsse und sie eben in Heilbronn arbeite, sei der Ort als Kompromiss dabei herausgesprungen.

Nach Mengen kommt Christine Reck heute hauptsächlich, um ihren Vater zu besuchen. „Aufgrund der Nähe zum Bodensee mache ich auch gern mit meinem Sohn mal eine Woche Urlaub in Mengen“, sagt sie. Noch hier zu wohnen, kann sie sich nicht vorstellen. „Es gibt einfach kein Unternehmen, in dem ich arbeiten könnte. Und wenn ich mir den Einzelhandel so ansehe, bin ich ganz froh, dass ich nicht das Schmuck- und Uhrengeschäft meiner Eltern übernommen habe.“

Im Juni hat Reck an einem Treffen ihres Abitur-Jahrgangs teilgenommen. 30 Jahre ist ihr Abschluss mittlerweile her. Von 20 Abiturienten sind 17 gekommen. „Das war toll und ich hatte das Gefühl, dass alle ihren Platz gefunden haben“, sagt sie. Ihre eigene Entscheidung für die Informatik hat sie nie bereut. „Das sage ich auch immer meinen Studierenden.“

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