Urgroßnichte von Gottfried Graf besucht Mengen

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 Mike Spijker, Charlotte Wagner, Bürgermeister Stefan Bubeck, Otto Karl Linder und Christoph Stauß (von links) schauen sich die
Mike Spijker, Charlotte Wagner, Bürgermeister Stefan Bubeck, Otto Karl Linder und Christoph Stauß (von links) schauen sich die restaurierten Kunstwerke von Gottfried Graf an. Das von der Stadt eingerichtete Magazin bietet gute Bedingungen zur Aufbewahrung von Kunst. (Foto: Vera Romeu)
Vera Romeu

Die Urgroßnichte des Malers Gottfried Graf ist zu Besuch in der Stadt Mengen gewesen. Charlotte Wagner verwaltet zusammen mit ihrem Lebenspartner Mike Spijker inzwischen einen großen Teil des Nachlasses ihres Urgroßonkels Gottfried Graf, des berühmten Künstlers und Professor an der Stuttgarter Kunstakademie, der 1881 in Mengen geboren und 1938 gestorben ist. Gottfried Graf hatte 1897 im Württembergischen Postdienst unter anderem in der Alten Posthalterei, dem heutigen Heimatmuseum, gearbeitet, bevor er ab 1904 in Stuttgart Kunst studierte und 1920 als Professor für Holzschnitt an die Stuttgarter Kunstakademie berufen wurde. „Ich bin mit Gottfried Grafs Bildern aufgewachsen. In der Familie werden sie sehr hochgehalten“, berichtete Charlotte Wagner. Auch seien noch Teile von Grafs Bibliothek und einige Möbel vorhanden.

Sie hat erste Kontakte geknüpft, zum einen um das umfangreiche Erbe der Familie der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Weiter möchte sie das Netzwerk der Kunstliebhaber, die das Schaffen Gottfried Grafs schätzen, festigen. Ihr drittes Ziel: Sie möchte Karin Graf, Witwe des Malers, ihren Platz im öffentlichen Bewusstsein zurückgeben. Die Malerwitwe und traumatisiertes Opfer des Nationalsozialismus habe in der unmittelbaren Nachkriegszeit ihren Platz in der Stadtgesellschaft nicht wieder erlangt. 1959 ist ihr in der Schweiz politisches Asyl gewährt worden. Sie zog mit dem gesamten Werk ihres Mannes nach Montreux, wo sie es bis zu ihrem Tod gehortet hat. Ihre Asche ist im Mengener Grab von Gottfried Graf bestattet.

Bürgermeister Stefan Bubeck hat zusammen mit dem Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins Otto Karl Linder und seinem Stellvertreter Christoph Stauß das Paar empfangen und ihm die Sammlung von Gottfried Graf-Bildern gezeigt. Die Stadt hat vor einigen Jahren im Heimatmuseum-Alte Posthalterei ein klimatisiertes Magazin einbauen lassen, um ihre Graf-Sammlung und weitere Kunstwerke unter guten konservatorischen Bedingungen und gesichert zu lagern. „Wir versuchen zusammen zu führen, was wir an Werken von Gottfried Graf bekommen können, um die schon große Sammlung zu erhalten und zu erweitern“, sagte Bubeck. Im Moment könne die Stadt die Graf-Sammlung nicht dauerhaft ausstellen. Es gebe aber Überlegungen, dafür einen Raum zu schaffen, so der Bürgermeister. „Das Bekenntnis zu Gottfried Graf ist im Stadtrat da, deshalb ist in das Magazin viel investiert worden“, sagte Stauß.

Vorsitzender Linder zog die vielen Gitterwände hervor, an die die Bilder gehängt sind. Auch hat die Stadt alle Holzschnitte, Lithografien und andere Papierarbeiten, die sie besitzt, restaurieren lassen. Charlotte Wagner und Mike Spijker waren von der Mengener Sammlung begeistert. Das eine oder andere Werk kannten sie nur aus Katalogen und sahen sie erstmals im Original.

Charlotte Wagner engagiert sich auch für die Rehabilitierung ihrer Urgroßtante, Karin Graf, geborene Erdmann. Sie kam während des ersten Weltkrieges als Rot-Kreuz-Krankenschwester von Russland nach Deutschland, wo sie Gottfried Graf kennen lernte. Sie heirateten 1921. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren moderne Maler, wie Gottfried Graf, bedroht. 29 seiner Bilder wurden aus Museen beschlagnahmt. Ihm drohte ein Malverbot und die Entlassung aus der Kunstakademie, doch kam er dem zuvor, in dem er kündigte.

Gottfried Graf war krank und starb 1938. Der Druck und die Bedrohung der Nationalsozialisten hatten dem sensiblen Mann zugesetzt. Karin Graf zog nach Mengen zurück und wohnte in der Mittleren Straße, (damals Lindenstraße) im elterlichen Haus ihres Mannes. Sie war eine Kritikerin des Nationalsozialismus und wurde denunziert. Die Gestapo verhaftete sie 1941. Karin Graf wurde in die Heilanstalt Winnenthal (Klinikum Schloss Winnenden) eingesperrt. 1945 kehrte sie abgemagert und traumatisiert nach Mengen in ihr Haus zurück. Sie klagte gegen das Unrecht, das ihr angetan worden war und bekam vor Gericht Recht. Doch ihren Platz in der Stadtgesellschaft bekam sie nicht zurück. Verbittert verließ sie Mengen, um in der Schweiz unterm Schutz des politischen Asyls zu leben. Das Werk ihres Mannes nahm sie mit.

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