Rassenwahn im Donautal

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 Der Bergfried der Ruine Dietfurt. Die Burghöhle im Innern des Berges war eine Kultstätte der obskuren Neutempler.
Der Bergfried der Ruine Dietfurt. Die Burghöhle im Innern des Berges war eine Kultstätte der obskuren Neutempler. (Foto: Christoph Klawitter)
Christoph Klawitter

In der Hauptversammlung des Geschichtsvereins hat Walther Paape über Hintergründe des rassistischen Neutempler-Ordens referiert. Der Orden siedelte sich in den 1920er-Jahrein auf dem Areal der Ruine Dietfurt im Donautal an, dem heutigen Standort der DRK-Bergwacht Sigmaringen. Der ehemalige Mengener Realschulrektor Walther Paape forscht seit Langem über den Orden.

Zwar spielten sich die Ereignisse in der Ruine Dietfurt hier in der Region ab. „Dennoch stelle ich immer wieder fest, dass viele, viele Menschen überhaupt nicht wissen, was dort in den 1920er-Jahren gewesen ist“, sagte Paape. Bei den Neutemplern – der Name ist an die mittelalterlichen Templer angelehnt – handele es ich um einen obskuren und düsteren Männerbund. Männerbünde habe es auch noch andere gegeben. Doch dieser sei besonders gewesen. Laut Paape übte er massive Einflüsse auf den frühen Nationalsozialismus aus. „Bis direkt zur Person Heinrich Himmler“, bemerkte er.

Gründer des Neutempler-Ordens war der Österreicher Adolf Joseph Lanz (1874 bis 1954), der sich selbst aber Jörg Lanz von Liebenfels nannte und unter dieser Bezeichnung auch bekannter ist. „Er gab sich einen Baronstitel und führte zeitweilig zwei Doktortitel“, sagte Paape. Schon in jungen Jahren trat Lanz in ein Kloster ein und wurde Mönch, blieb es aber nur kurz. Er lernte eine reiche Witwe kennen. „Er heiratete eine fünffache Mutter, die seine eigene Mutter sein könnte“, sagte Paape. „Aber Sie wissen ja: Geld macht sexy.“ Mit dem Geld der Witwe konnte Lanz sein Projekt Neutempler-Orden vorantreiben. Später verließ er seine Frau wieder.

Lanz war von rassistischem Gedankengut erfüllt. Er veröffentlichte ein Werk mit dem Titel „Die Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron“. Lanz propagierte, dass die arische Rasse überlegen sei, überhaupt blonde und blauäugige Menschen den Gipfel der Entwicklung darstellen würden. Er gab auch eine Broschüre namens „Ostara“ heraus. Ein regelmäßiger Leser war Adolf Hitler. „Es ist bekannt, dass Hitler sämtliche Ostara-Hefte besessen hat“, so Paape. Er berichtete, dass es auch ein Buch gibt, in dem Lanz als Ideengeber für Adolf Hitler bezeichnet wird. Die Beweisführung darin gelte aber nicht als stichhaltig.

Auch in Deutschland gab es Neutempler. Sie suchten einen Ort, an dem sie sich niederlassen konnten. In den 1920er-Jahren trafen sie sich in der Bahnhofsgaststätte Gutenstein. Um 1926 oder 1927 kauften die Neutempler dann das Ruinen-Areal und eröffneten das „Erzpriorat Staufen“. In der Burghöhle der Ruine richteten sie eine Kultstätte ein. „Sie ist das Herz der Anlage“, so Paape. Dort hielt der Männerbund Messen ab, es wurde getauft, alles sei dabei rassistisch und ideologisch durchsetzt gewesen. „In einer Art und Weise, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können“, bemerkte Paape. Auch Geister wurden beschwört, um Meinungsverschiedenheiten unter den Neutemplern beizulegen. Als Unterkunft bauten die Neutempler eine Hütte am Berg, die heute Sitz der Bergwacht ist. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zog eine Neutempler-Familie aus Berlin in die Hütte, die Anlage stand ab dann nicht mehr für Ordensfeiern zur Verfügung. Nach dem Krieg wurden dann laut Paape amtlicherseits Flüchtlinge einquartiert.

Wiederbelebung verhindert

Nach dem Tod von Lanz 1954 versuchte ein ehemaliger Dietfurter Neutempler, den Orden wieder zu beleben. Doch Richtungskämpfe und Nachwuchsmangel verhinderten dies. „Und so starben die Neutempler erst in den 1980er-Jahren rein biologisch aus“, resümierte Paape. Doch auch aus dem Jenseits gebe Lanz keine Ruhe, bemerkte er ironisch. Ein Brandenburger Immobilienhändler behaupte, dass ihm Lanz im Jahr 2000 erschienen sei und ihm den Auftrag gegeben habe, einen neuen Neutempler-Orden zu gründen.

Seine Erkenntnisse veröffentlichte Paape vor ein paar Jahren in seinem Buch „Im Wahn des Auserwähltseins“. Mittlerweile sei Dietfurt im weiteren Umkreis fast bekannter als im engeren Umkreis. „Es gibt auch durchaus Leute, die das gar nicht mögen dass ich das alles ausgegraben habe. Aber das müssen sie halt aushalten.“

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